Westliche Kernkraftwerksbauer hoffen auf ein Milliardengeschäft

Was sich in der Bild-Version fast schon wie ein perfektes Geschäft ausnimmt, ist für die Siemens-Tochter Kraftwerk Union allenfalls ein Hoffnungsschimmer: Westliche Unternehmen sollen möglicherweise helfen, sowjetische Kernkraftwerke sicherer zu machen. Der Papierform nach winkt da ein Riesengeschäft. Nach Angaben eines KWU-Sprechers kostet die „Ertüchtigung“ eines Reaktors auf jeden Fall einen „dreistelligen Millionenbetrag“, und die Sowjets haben mehr als fünfzig Reaktoren am Netz.

Von einem Fünf-Milliarden-Geschäft zu reden, ist also vom Auftragspotential her nicht so abwegig. Aber die Bundesregierung, die ihr Interesse an mehr Reaktorsicherheit in der Sowjetunion nicht verhehlt, dementiert Berichte darüber, daß es schon ein Finanzierungsmodell gebe. Die KWU bestätigt lediglich, daß sie in Moskau Angebote abgegeben hat. Eine Antwort steht allerdings noch aus.

Natürlich ist nicht nur der deutsche Reaktorbauer daran interessiert, mit Lieferungen und Dienstleistungen in der Sowjetunion zu verdienen. Aber die KWU hat den unschätzbaren Vorteil, eine Referenzanlage vorweisen zu können. Sie hat gemeinsam mit ihrer Muttergesellschaft Siemens das von den Sowjets gebaute Kernkraftwerk Loviise in Finnland mit neuen Überwachungs- und Kontrolleinrichtungen versehen – sehr zur, Zufriedenheit der finnischen Auftraggeber, die ihren Reaktor wegen der niedrigen Kosten – die beiden Blöcke mit jeweils 440 Megawatt Leistung haben umgerechnet nur 1,5 Milliarden Mark gekostet – und der hohen Verfügbarkeit als „Goldgrube“ bezeichnet.

Wenn die KWU in der Sowjetunion zum Zuge käme, würde sie die Kraftwerke allerdings nicht vom Grund auf erneuern. Reaktordruckgefäß und Sicherheitsbehälter etwa sind Bauteile, die sich nachträglich nicht mehr ändern lassen. Naheliegend ist aber, ein neues Überwachungssystem zu installieren, das Schäden frühzeitig erkennt und Gegenmaßnahmen möglich macht. Da hinkt die sowjetische Technik wohl nach, wie das finnische Beispiel zeigt. Und ein KWU-Sprecher versichert, in diesem Bereich seien sowjetische Reaktoren mit westlichen „nicht annähernd vergleichbar“.

Diese Nachrüstarbeiten müßten nicht auf Leichtwasserreaktoren – die im Bauprogramm der KWU dominieren – beschränkt sein. Vielmehr bezeichnet sich die KWU als „die Firma der westlichen Welt, die das breiteste Spektrum hat“. Die Siemens-Tochter fühlt sich deshalb durchaus imstande, auch im Westen nicht übliche Reaktoren vom Tschernobyl-Typ zu ertüchtigen. So wird darauf verwiesen, daß der Tschernobyl-Unfall bei der KWU „nachgerechnet“ worden sei.

Ob die Sowjets auf das deutsche Angebot eingehen, ist wohl auch eine Frage der Finanzierung. Aber da gibt es ja gerade nach Tschernobyl ein starkes westliches Interesse an mehr Sicherheit bei dem östlichen Nachbarn. Umgekehrt müßten die Sowjets ihre bisherige Geheimniskrämerei aufgeben. Erste Ansätze dazu sind schon zu erkennen.