Zwei jüngst ergangene Urteile haben nun offiziell festgelegt, daß es zwei Arten von „Reuigen“ gibt, wie man bei uns in Italien die Kronzeugen nennt: reuige Terroristen, denen man Glauben schenken darf, und verdächtige Singvögel aus der Unterwelt. Gemessen an der Grobschlächtigkeit unserer bisherigen Ideologie des reuigen Kronzeugen mag das ein Fortschritt sein, aber wir haben noch immer nicht gelernt, zwischen Denunzianten, Resozialisierten und reuigen Sündern zu unterscheiden. Der Denunziant ist ein Ganove, der aus persönlichen Interessen beschließt, die Angehörigen seines Milieus zu verpfeifen. Er wird von der Polizei als Informant benutzt, um andere Ganoven zu fangen und geplante Straftaten zu vereiteln, aber er wird nicht unbedingt von der Justiz benutzt, die kaum auf die Schwüre von jemandem bauen kann, der gerade dabei ist, das einzige, woran er vielleicht noch geglaubt hatte, zu verraten (den Ehrenkodex seiner kriminellen Gruppe), und der dabei aus denselben Interessen handelt, aus denen er kriminell geworden ist.

Seit eh und je funktioniert die Polizei dank dieser Denunzianten, und sie tut gut daran, ihnen Geld zu geben und über ihre kleinen Gaunereien hinwegzusehen. Andernfalls würde sie nur funktionieren, wenn alle Polizisten Sherlock Holmes’ wären, und Sherlock Holmes’ gibt es nur in Romanen. In keinem Fall aber verlangt jemand von einem Denunzianten, daß er sich reumütig zeige.

Der reuige Sünder gehört in die Welt der Moral oder der Religion. Er hat gesündigt, sieht seine Verfehlung ein, bekennt sich schuldig und versucht, sie wiedergutzumachen. Er hat eine „Metanoia“ durchgemacht, einen tiefen inneren Wandel. Da wir nicht die göttliche Fähigkeit haben, in die Tiefen des menschlichen Herzens zu sehen, bleiben uns nur zwei Möglichkeiten, einen Reuigen als solchen zu erkennen. Die eine ist, daß er Reue bekundet, bevor er eine irreparable Tat begeht und jedenfalls bevor er entdeckt und verhaftet wird. Die andere ist, daß er, während der Denunziant eine Belohnung verlangt, eine Strafverschärfung erbittet. Der Reuige als moralische Kategorie qualifiziert sich durch sein Verlangen nach Buße – so daß er, wenn die menschliche Gerechtigkeit ihm verzeiht, sich selbst bestraft, indem er Eremit oder Krankenpfleger in einem Lepradorf wird. Reuig ist, wer nicht nach Südamerika geschickt zu werden verlangt, um dort mit Gesichtsplastik unter neuem Namen zu leben, sondern wer darum bittet, in eine Sondereinheit der Feuerwehr gesteckt zu werden, um Bomben kurz vor der Explosion zu entschärfen.

Außerhalb dieser Bedingungen kann es die Figur des „Reuigen“ oder „Kronzeugen“ im Gerichtssaal nicht geben, denn ein Gericht kann nicht über das befinden, was in den Herzen der Menschen geschieht. Selbst wenn einer wirklich reumütig wäre und das Gericht ihn mit einer Strafmilderung belohnen würde, so hätte der Staat ipso facto aus einem Reuigen (der sich durch sein Verlangen nach Bestrafung definiert) einen Denunzianten gemacht (der sich durch seinen Wunsch nach Straffreiheit definiert). Und schon fände sich die Justiz, die auf die Glaubwürdigkeit eines Reuigen zählen konnte, erneut mit der Unglaubwürdigkeit eines Denunzianten konfrontiert.

Es gibt noch eine dritte Figur: die des Resozialisierten, der ein Delikt begangen, die Strafe abgesessen und durch sein Verhalten bewiesen hat, daß er sein Leben nach neuen Prizipien führt. Ein Resozialisierter, der sich entscheidet, mit der Justiz zusammenzuarbeiten, könnte als glaubwürdig gelten. Aber bis eine Resozialisierung gefestigt ist, braucht es Jahre, während die sogenannten Reuigen für gewöhnlich sehr rasch bereuen, und immer bevor sie gebüßt haben.

Wenn die Dinge so liegen, warum unterscheiden wir dann zwischen kriminellen Bereuern, die bloß Denunzianten sind, und politischen Kronzeugen, die angeblich echte Reue empfinden? Wir sollten den Mut haben zuzugeben, daß sich in dieser Unterscheidung die Überzeugung verbirgt, der Terrorist, sei eben ein Utopist, motiviert von moralischen Prinzipien (aufrichtigen, wenn auch anfechtbaren) und folglich ein moralisches Subjekt, das keine Privatinteressen verfolgt und daher zur Reue fähig ist, auch wenn dafür keine äußeren Beweise vorliegen, mithin ein glaubwürdiger Zeuge, den man beim Wort nehmen kann, so wie man instinktiv dazu neigt, der Aussage eines Priesters mehr zu glauben als der eines Hühnerdiebs. Gewiß eine respektable Idee, vertretbar in vielen Fällen, aber es ist gelinde gesagt interessant, daß sie bei uns im Gerichtssaal eher anerkannt wird als auf den Foren der Politik und der Philosophie.

Und es ist merkwürdig, daß sie damit den Gedanken ausschließt, es könnte der Terrorist ein psychisch labiles Subjekt sein, das eine neurotische Spannung mit einer utopischen Sehnsucht verwechselt, oder ein unreifes Subjekt, das mehr dem Reiz der Helden in Comics und TV-Serials erlegen ist als dem der großen revolutionären Denker. Denn wäre es so, dann wäre niemand unglaubwürdiger als ein solches Subjekt, und auch seine plötzliche Reue wäre nur ein erneuter Beweis seiner Labilität.

Aus dem Italienischen übersetzt von Burkhart Kroeber. Copyright: L’Espresso.