Endlich! Ein Lebenszeichen vom Arbeitsamt, im Längsformat, weiß, mit kleinem Sichtfenster. Der Stempel über dem „Fensterlein“ strahlt Hoffnung aus: ein rotes stilisiertes „A“ in einem Kreis. „Gut beraten, Arbeitsamt“.

„Gut beraten“, ja, das möchte ich sein, in dieser Zeit, wo guter Rat anscheinend schon so billig zu haben ist, in achtlos hingeworfenen Bemerkungen, die wie Kletten haften: Hast du es da schon mal versucht? Wie war’s, wenn du .. .? Ich an deiner Stelle...! Was? Immer noch nichts!? Ich kann ja verstehen, daß es schwer ist...

Gar nichts haben sie verstanden, diese schulterklopfenden Klugsprecher, die reichlich Rat und Solidarität austeilen, aber sonst nichts.

Augenblick! Jetzt wirst du ungerecht! Hast du die abgelegte, aber gut erhaltene Kleidung für die Kleine vergessen? Denk an den abgewetzten Teppich fürs Kinderzimmer. Hilft Heizkosten sparen! Was ist mit dem Sack gartenfrischer Kartoffeln und dem Beutel Walnüsse? Und der „Fünfziger“, verstohlen in deine Hand gedrückt? Von jemandem, der „sittlich und moralisch“ dazu nicht verpflichtet gewesen wäre.

Hast du mich, Madame Arbeitslosigkeit, schon so in deinem Griff, daß ich undankbar und blind werde? Auf Schritt und Tritt begleitest du mich. Du treibst mich in billige Läden, von einem Sonderangebot zum anderen. Du bestimmst, was wir zu uns nehmen: einmal in der Woche Fleisch, mehr ist nicht drin. Preisgünstige Kellerregale zieren die gute Stube, die Abende verbringe ich mit verhaßtem Sockenstopfen.

Kostbare Jahre, in denen andere rechtschaffen Rentenansprüche anhäuften, haben wir vertan, um der Arbeitslosigkeit zu entkommen. Wir büffelten über ungezählten Büchern für Klausuren, für Zwischenprüfungen und Examina. Für lächerliches Taschengeld – oder auch keines – steckten wir Arbeitskraft und Ideenreichtum in Praktika. Monatelang schieden wir uns von der Umwelt ab, suchten die Stille unserer Studentenbuden und brachten treffliche Diplomarbeiten ans Licht der Welt. Monat für Monat wuchsen zwei stattliche Darlehensberge, entgegenkommende Mitgift der Ausbildungsförderung.

Als trügerisch entpuppte sich der seinerzeit marktschreierische Leitspruch: Je höher die Qualifikation, desto besser die Aussicht auf Arbeit! Akademikerarbeitslosigkeit! Bombastisches Wort, neugeschöpft und bereits zu abgedroschen für Presse und Funk, nie von uns für möglich gehalten und doch wahr geworden.