Von Manuela Reichart

Ein Roman über eine tragische Liebe. Ein Geschichtsbuch. Ein Charakterbild männerbündischer Verhältnisse. Das Porträt einer Epoche im Untergang. All das zugleich ist dieses (1938 geschriebene, 1968 bei uns zum ersten Mal erschienene, 1976 von Volker Schlöndorff merkwürdig matt und eindimensional verfilmte) Buch von Marguerite Yourcenar: „Der Fangschuß“.

Im Nachwort der Autorin erfährt man, der Roman basiere auf einer wahren Begebenheit: 1919 erschießt ein Mann eine Frau; ein deutscher Offizier, der auf der Seite der Freikorps kämpft, exekutiert im Baltikum die Schwester seines besten Freundes, die sich auf die Seite der Roten Armee geschlagen hatte – das Ende und zugleich der Höhepunkt einer Tragödie. Der Ich-Erzähler, jener Offizier, der „stets hartnäckig auf der rechten Seite der Barrikade geblieben war“, legt, 15 Jahre nach diesem „Fangschuß“, Zeugnis ab von seiner Geschichte und ihrem Hintergrund, denn „man redet immer so, als ob Tragödien sich im Leeren abspielen, während sie doch stets durch ihren Hintergrund mitbedingt sind“.

Ein verarmter Adliger, den die europäischen Wirren der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zum „Glücksritter“, zum Berufssoldaten machen, der einmal hier, einmal dort sich verdingt, ohne wirkliche Überzeugung, ohne Kraft zur Veränderung; ein junger Mann ohne Zukunft, aber mit der genauen Vorstellung davon, was Ehre, was Männlichkeit auch in Zukunft zu gelten haben –, und was eine richtige Männerfreundschaft ist. Er hat einen Freund, liebt ihn in jener verworrenen Gefühlslage zwischen fürsorglicher Kameraderie und verdrängter Homosexualität. Ein Männerbündnis zwischen einem viril Sehnsuchtsvollen und einem weichen Sensiblen. Frauen gehören in diesen Pakt nicht hinein. Nicht zuletzt deswegen weist der Mann – auf dem baltischen Gut des Freundes mit ihm gegen die Sowjets kämpfend – die Liebe der Schwester des Kameraden zurück.

Eine Liebestragödie. Sie liebt ihn hingebungsvoll, verletzt alle Anstandsregeln, kämpft mit aller Macht um ihn, der sie nicht will, der sich vor ihr fürchtet, für den Frauen nie mehr sind als Bettgespielinnen. Ein Drama zwischen einer Frau und einem Mann, ein Geschlechterkampf, in dem beide verlieren. Sie wird müde, glanzlos durch die dauernden Verletzungen, sucht sich schließlich andere Männer, verzweifelt daran, weil „der Mann, den sie liebte, nicht derjenige war, mit dem sie schlief“. Und er bleibt der Zögernde, Zweifelnde, der sich nicht entscheiden kann, in dem die alte Furcht vor der Frau ebenso tief steckt wie die kalte Beherrschung der Kriegsorganisation.

Als die Frau schließlich weggeht, mit dem alten Leben bricht, ihn und die Tradition ihrer Familie verläßt, um sich auf die Seite des Feindes zu schlagen, geht erst einmal alles weiter wie bisher; der Krieg fordert seinen Preis und den ganzen Mann, da bleibt keine Zeit für Gefühle und Gedanken.

Am Ende, der Mann hat den Freund in jenem Schußwechsel verloren, treffen die beiden, die in der Liebe nicht zueinander fanden, wieder aufeinander. Der Offizier und die Aufständische. Beide wissen, daß in diesem Stadium des Bürgerkrieges keine Gefangenen mehr gemacht werden – die Normalität des Sterbens, weil das Leben nichts Normales mehr hat. Und dann verlangt sie von ihm den Todesschuß. Er soll sie umbringen, ihr Henker sein. Er, der ihre Liebe getötet hat, muß jetzt auch ihr Leben töten. Der Mörder und das Opfer: die Vereinigung eines kurzen Augenblicks – und die lebenslange Qual für den Überlebenden. Die Frau rächt sich an dem zur Liebe unfähigen Mann. Er wird sie nie vergessen.