Von Uwe Knüpfer

Die gebürtige Hamburgerin Ute hat massenhaft freie Zeit und viele leere Zimmer in ihrem großen Haus im feinen Southampton auf Long Island. Wie mehr und mehr Amerikaner auch, ist sie so auf eine lohnende Nebenbeschäftigung gekommen: Privatzimmer an Touristen zu vermieten. „Bed and Breakfast“ ist „in“ in den Staaten, wenn nicht gar „hip“ – bei Vermietern wie bei Gästen.

Ute hat, wie man so gerne sagt, „die Welt“ gesehen. „Ich war die Frau Teddy Staufers“, sagt sie, überzeugt davon, daß dies als Erklärung reichen muß. 17 Jahre lang lebte sie in Acapulco und in Manhattan. Jetzt, mit neuem amerikanischem, 75jährigem Mann im ruhigen Badeort zwei Autostunden von New York City entfernt, läßt sie „die Welt“ zu sich kommen. „Denken Sie nur, letztens hatte ich an einem Sonntagmorgen vier Nationen am Kaffeetisch: einen italienischen Arzt mit englischer Frau und einen Franzosen mit Belgierin.“

In Großbritannien gilt „Bed and Breakfast“ kurz B&B, als insulare Variante der kontinentalen Privatpension. Doch in den USA, dem Mutterland der Hotel- und Motelketten, ist die Idee neu und mutet viele Amerikaner fremdartig an. Was sehr verständlich ist: Bekommt der Reisende in den USA doch, wohin er auch fährt, problemlos ein-Hotelzimmer mit Bad, Telephon und Farb-TV. Ein Raum, dessen Grundriß ihm bestens vertraut ist, denn er sieht in Miami, Florida, genauso aus wie in Youngstown, Ohio.

Doch momentan gilt es als schick, Individualität zu zeigen, jedenfalls unter den jungen Metropolen-Bewohnern, den Yuppies. Sie suchen nach einer Erholungs-Alternative zum Hotel-Einerlei. Manch jungem „Executive“ ist auch das überkommene Country-Club-Weekend entweder zu betulich oder (noch) zu teuer. Es seien eben „outstanding people“, ungewöhnliche Leute, Trendsetter, die „Bed and Breakfast“ zur Mode machen, meint so auch Ute.

Vor allem in Kalifornien und den Ostküstenstaaten zwischen Boston und Washington existieren inzwischen ganze „Bed and Breakfast“-Netze. Wer will, kann inzwischen das ganze Land bereisen, ohne sich ein einziges Mal in ein Hotelbett legen zu müssen.

Preiswerter ist B&B ebenfalls: In einem Washingtoner Hotel etwa würde es ein Vermögen kosten, ein Appartement mit Bad und Sauna in der Nähe des Weißen Hauses zu mieten. Bei Helen und Harold Cary kostet das Vergnügen ganze 35 Dollar. Inklusive Frühstück, für das Harold, wenn er den Gast mag, früh am Morgen auch eigenhändig frische Pfannkuchen backt. Wozu es dann besten Ahornsirup aus Vermont gibt, Fruchtsalat, Rühreier, Obstsaft, Toast, Gebäck, die Zeitung, reichlich Kaffee und: ein fesselndes Gespräch über amerikanische Politik. Die Carys – er ist Direktor einer Gesundheitsbehörde, sie Lehrerin – vermieten die Räume ihrer Kinder, die längst aus dem Haus sind. Besonders gerne vermieten sie an ausländische Gäste. Damit die merken, daß es auch Amerikaner wie Helen und Harold gibt, die eigens nach Nicaragua gefahren sind, um zu sehen, ob die dort regierenden Sandinisten wirklich jene schlimmen Bolschewisten sind, als die sie die Reagan-Regierung hinstellt. Seither schämen sich die Carys für die derzeitige US-Mittelamerika-Politik. B&B-Wohnen ist wie Eintauchen ins Middle-Class-America. Wo sonst kann ein Tourist so hautnah die Lebensgewohnheiten amerikanischer Familien miterleben? Wo sonst kann er schon beim Frühstück alle Insider-Informationen über die Stadt sammeln, in der er sich gerade befindet?