„Abendanzug“ von Bertrand Blier

Im Abendanzug, mit Seidenschal und verruchtem Wiegeschritt, die Taschen voller Geld, den Mund voller Poesie – so tritt er aufs Parkett, Gerard Depardieu alias Bob, der Gangster als decadent, ein Engel Babylons auf der Suche nach Opfern. Die findet er in Monique (Miou-Miou) und Antoine (Michel Blanc), einem heruntergekommenen Gaunerpärchen, dem er die Herrlichkeiten der feinen Welt zu Füßen legt, Villen voller Gold und Marmor, Tausendfrancscheine unter Teppichen, Pelze, Parfüm und Plunder, das Spielzeug gelangweilter Snobs, die das ertappte Diebespack ohne viel Umstände zur Partnertausch-Orgie einladen. „Abendanzug“: ein Gaunermärchen. Aber so wie „Bob“ Depardieu, der unter dem Smoking einschlägig tätowiert ist, zeigt auch Bliers Film unter der ästhetisierenden Hülle die Fratze des Skandals. Bliers „Tätowierung“: das ist das außer Rand und Band geratene Melodram. „Abendanzug“ bringt die Klischees zum Tanzen. Depardieu, Fleischklops und männliches Massenidol, verliebt sich nicht in die hinreißende Miou-Miou, sondern in den kleinen, glatzköpfigen Michel Blanc. Die Kerls tummeln sich im Doppelbett, die Schöne muß darben. Bob, der Verführer, vergrault die Frau und macht den Mann zum Hausweibchen. Das hat man tausendmal gesehen – nur anders herum. Bliers Dämonie ist der gegen den Strich gelesene Kitsch.

Die „griechische Tragödie mit Borsalino“ à la Melville ist Blier ein Greuel, lieber betreibt er Commedia dell’arte im Salon. „Abendanzug“ pendelt zwischen dem Piekfeinen und dem Peinlichen. Aber die Stellungswechsel der Körper, die Mutationen der Seelen geschehen zu rasch, eine Nummer jagt die andere. Der Film karikiert nur, was er entlarven will: Sexualität als gesellschaftliche Form. Hier bekommt sie den schalen Glanz epischen Theaters, filmisch veredelt mit französischem Chic. Dem Zuschauer bleibt das Lachen im Hals stecken und die Angst im Kopf. Blier wagt ein Spielchen, um Liebe, Verwandlung und Tod, aber er hält sich an die Spielregeln: die einfachste Pointe gewinnt. Zuletzt stehen Bob, Monique und Antoine auf dem Straßenstrich. Sie gleichen einander wie ein billiges Parfüm dem anderen. „Abendanzug“ riecht nach Banalität. Andreas Kilb

„Neunzig Tage“ von Giles Walker

Die Archäologen der Zukunft werden sich begeistern für Giles Walkers Film: Hier wird nichts verfälscht, nichts beschönigt, nicht das kleinste Quentchen künstlicher Spannung aufgepfropft. Giles Walker schont weder seine Darsteller noch sein Publikum. Er erzählt von Durchschnittsmenschen, mit durchschnittlichen Schicksalen, durchschnittlichen Gefühlen und Gedanken: Zwei Männer, beide dem vierzigsten Geburtstag schon gefährlich nahe, die Angst haben vor der Einsamkeit, aber auch eine gewisse Furcht vor den Frauen, jagen einem kleinen Glück hinterher. Der träge Blue hat sich, per Katalog, eine Koreanerin bestellt; die aber gibt sich unerwartet eigensinnig. Der nervöse Alex hat zufällig seine Traumfrau kennengelernt; die aber will nur das eine: seinen Samen, zwecks künstlicher Befruchtung. Weil Trailer, Werbung, Vorspann den Film als Komödie preisen, ahnt man gleich: Der Regisseur, der auch das Drehbuch schrieb, rang um Humor. Weil Walker aber andererseits alle komödiantischen Möglichkeiten der Story leichtfertig verschenkt, vermutet man weiter: Der Regisseur strebte auch nach Realismus. Die spaßigen Aspekte der Wirklichkeit waren ihm wichtiger als gut getimte Gags, konstruierte Kalauer. Weil Walkers Kamera aber so unkonzentriert, fahrig, beliebig über Personen und Schauplätze schweift, sind ihr die absurden, grotesken oder einfach lustigen Momente verborgen geblieben. „Neunzig Tage“, gerafft zu neunzig Minuten Langeweile. Claudius Seidl

Sehenswerte Filme

„Hannah und ihre Schwestern“ von Woody Allen. „Die Fliege“ von David Cronenberg. „Down by Law“ von Jim Jarmusch. „Mission“ von Roland Joffé. „Mona Lisa“ von Neil Jordan. „Um Mitternacht“ von Bertrand Tavernier. „Opfer“ von Andrej Tarkowskij.