Die Streiks im öffentlichen Dienst Frankreichs gehen zu Ende, wenn auch die kommunistische Gewerkschaft CGT immer noch zur Fortführung der Arbeitskämpfe aufruft.

Die Mehrzahl der Eisenbahner hat nach vier Wochen Streik den Dienst wieder aufgenommen, ebenso die meisten Angestellten der Pariser Verkehrsbetriebe und des staatlichen Monopolriesen Electricite de France. Die streikenden Lokomotivführer mußten einsehen, daß sie ihrem Arbeitgeber keine Zugeständnisse mehr abtrotzen konnten. Bei der Elektrizitätsgesellschaft kam es zu einer raschen Einigung, schon weil die Bevölkerung über die Unterbrechungen in der Stromversorgung empört war – Fabriken, Handwerks- und Gewerbebetriebe wurden lahmgelegt. Ohnehin wären angesichts der auch in Frankreich herrschenden sibirischen Kälte weitere Stromabschaltungen, in deren Folge die Häuser nicht mehr hätten beheizt werden können, unverantwortbar gewesen.

Der längste Eisenbahnerstreik in der französischen Geschichte kommt die staatliche Eisenbahngesellschaft SNCF teuer zu stehen; sie hat einen unmittelbaren Verlust von mehr als 420 Millionen Mark erlitten und auf Dauer Marktanteile verloren. Fachleute beziffern die zu erwartenden Einnahmeausfälle auf jährlich einhundert bis dreihundert Millionen Mark.

Eindeutiger Verlierer ist auch die französische Gewerkschaftsbewegung, deren Ohnmacht der Streik offenbarte. Von Anfang an kümmerten sich die Eisenbahner keinen Deut um die Parolen der Arbeitnehmerorganisationen. Dabei galten bislang die Eisenbahner als gewerkschaftliche Kerntruppe. Die Streikenden haben trotz aller Durchhalteparolen schließlich klein beigegeben, aber doch beträchtliche Vorteile herausgeholt: wesentliche Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, eine großzügigere Beförderungspraxis und so hohe Lohnzuwächse, wie das angesichts des Sparkurses der Regierung überhaupt möglich war.

Der gaullistische Premierminister Jacques Chirac verzeichnet als Erfolg, daß er diesmal standfest blieb und die Glaubwürdigkeit seiner Wirtschaftspolitik bewahrte. Allerdings meinen viele Franzosen, daß mit einem einfühlsameren Krisenmanagement der Regierung der Konflikt viel früher geschlichtet worden wäre.

Sind diese Narben bereits verheilt, wenn 1988 sich Chirac zur Präsidentenwahl stellt? Die Handlungsfähigkeit der konservativen Regierung, die sowohl mit ihrer sozialen als auch mit ihren wirtschaftlichen Reformen auf erheblichen Widerstand stieß, ist nunmehr eingeschränkt. Ein sonderbares Licht auf die Entwicklung der französischen Demokratie wirft die Tatsache, daß die Regierungsparteien zum Straßenprotest gegen die Streiks aufriefen – als ob nun auch die von der Volksmehrheit gewählte Regierung einer Rückversicherung durch die „Straße“ bedürfe.

Roger de Weck (Paris)