Von Hans Jakob Ginsburg

Engelskirchen, im Januar

Der Leiter der Veranstaltung, ein älterer Herr im grauen Anzug, blickt gütig auf sein Publikum, an die zweihundert meist ebenfalls ältere Herrschaften, die in den letzten anderthalb Stunden die Worte des Redners mit gelegentlichem, gemessenem Beifall und der leisen Geräuschkulisse ihrer Kuchengabeln begleitet haben: „Wir danken Herrn Professor Biedenkopf für seinen Vortrag, der den Rahmen des Wahlkampfs durch seine Sachlichkeit gesprengt hat“, sagt der CDU-Funktionär. Das klingt ganz unironisch, ebenso wie seine Entschuldigung dafür, daß für Fragen der Zuhörer leider keine Zeit mehr sei, weil der Professor und CDU-Landesvorsitzende von Nordrhein-Westfalen ganz schnell durch Eis und Schnee zum nächsten Termin fahren müsse.

Kurt Biedenkopf, nachmittäglicher Wahlredner in der Industriekleinstadt Engelskirchen, eine halbe Autostunde östlich von Köln, sprengt wirklich den Wahlkampf in der Provinz, aber nicht durch jene Gabe, die sein Parteifreund „Sachlichkeit“ nennt. Von Rentenproblemen und der Wirtschaft reden auch andere Streiter im Kampf um die Wählerstimmen der Provinz, wenn auch meistens weniger ausführlich. Biedenkopf weicht vom üblichen Schema dieses Januarwahlkampfes vielmehr dadurch ab, daß er wirklich Wahlkampf betreibt und nicht bloß Selbstdarstellung. Er scheut sich nicht, Johannes Rau zu empfehlen, erst einmal die eigene Partei in Ordnung zu bringen, bevor er sich anmaße, „im deutschen Interesse“ Politik zu machen; er lobt Helmut Kohl über den grünen Klee; er rühmt sogar das fatale Wort Kohls von den KZs in der DDR, weil der Kanzler damit erst die Ostberliner Regierung gezwungen habe, die eigenen Leute über die neuen Reisemöglichkeiten in den Westen zu unterrichten. Also Wahlwerbung, wie sie der Stimmbürger fast allabendlich auch in häuslicher Gemütlichkeit vor dem Fernsehschirm konsumieren kann.

Von derlei Wahlkampfstil halten die Lokalmatadore nicht viel. Sie haben längst darauf verzichtet, bei den Wählern für ihre Standpunkte zu werben und den Ruhm ihrer Spitzenkandidaten in den Dörfern und kleinen Städten des Oberbergischen Landes zu verkünden; das überlassen sie der auswärtigen Prominenz. Die dichtgefüllten Terminkalender der Wahlkreiskandidaten sind darum in dieser angeblich heißen Phase des winterlichen Wahlkampfes recht eintönig: Der SPD-Mann etwa begleitet sozialdemokratische Landesminister in sozialdemokratisch regierte Rathäuser, begrüßt die örtlichen Kollegen Gewerkschaftler beim Neujahrstreff des DGB, ehrt Jubilare der eigenen Partei und macht den Impresario für das Kulturleben seines Heimatortes. Sein CDU-Gegenkandidat Horst Waffenschmidt, Parlamentarischer Staatssekretär in Friedrich Zimmermanns Innenministerium, besucht mit Vorliebe Firmen und Rathäuser, denen er sich dank eigener Vergangenheit als Kommunalpolitiker verbunden fühlt. Anscheinend geht es wirklich nur noch darum, durch sympathische Auftritte die eigenen Leute zum Wählen zu motivieren.

Für den Ortsfremden sind diese Werbeveranstaltungen freilich spannender als die ritualisierten Auftritte der Spitzenkandidaten im Fernsehen. Da zeigt sich in Bergneustadt, einem hochgelegenen kleinen Städtchen, fernab von den Metropolen der rheinischen Tiefebene, die Sozialdemokratie als Kulturbewegung: Auf Einladung des SPD-Direktkandidaten Friedhelm Julius Beucher, eines 40jährigen Grundschulrektors aus dem Ort, tritt der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch in einer bis auf den letzten Platz besetzten Schulaula auf.

In der Pause drängeln sich die Leute an einen improvisierten Büchertisch: viele Texte von Kabarettisten und Satirikern, etwas Friedens- und Umweltbewegtes, wenig SPD-Material. Wählen diese jungen Leute auch SPD? „Ich selbst werde ja erst im Herbst 18, aber den Friedhelm, den wählen hier in Bergneustadt alle, auch meine Eltern, obwohl die sonst...“ – „Natürlich wählen wir SPD, schon wegen der Raketen.“ Warum nicht die Grünen? Der Verwaltungsangestellte und seine Freundin schauen sich an, die Antwort kommt etwas stockend: „Also ja, das haben wir schon überlegt, bloß hier im Oberbergischen sieht man von denen gar nichts, und daß die hier eine Nichte von Heinrich Böll aufgestellt haben, bloß wegen des Namens, finde ich auch nicht so gut, und der Friedhelm, der ist wirklich ...“