Von Hartmut Frank

Den ohne Zweifel bedeutendsten Architekten des 20. Jh.“ präsentiert Leon Krier in einem prächtigen weinroten Leinenband der Brüsseler ‚archives d’architecture moderne‘. Gerade noch das Format und einige Abbildungen erinnern an den deutschsprachigen Vorgänger dieses streng symmetrisch geordneten englisch-französischen Buches über Albert Speer, den Wolf Jobst Siedler 1978 im Propyläen-Verlag noch mit einem beziehungsvollen schwarz-weiß-roten Schutzumschlag herausgebracht hatte. Nur das Vorwort Speers und der sachlich einordnende Beitrag Lars Olof Larssons über modernen Klassizismus sind übernommen worden. Die distanzierteren Aufsätze von Karl Arndt und Georg Friedrich Koch sind ersetzt durch einen kämpferischen programmatischen Essay Leon Kriers über „eine Architektur der Sehnsucht“.

Es ist ein schönes Buch. Die Sorgfalt bei der Wahl der Abbildungen und verwendeten Schriften, bei der Montage der Seiten und der Anordnung der zweisprachigen Texte, bei der Vereinheitlichung der umgezeichneten Originalpläne und der Tafeln mit Vergleichsmaterial ist bestechend. So wünscht man sich Architekturbücher.

Es scheint wohl nur wenigen noch ein Ärgernis zu sein, Albert Speer so prachtvoll präsentiert zu bekommen. Jene Baugeschichte, die sich diesem Antichristen der Architektur des 20. Jahrhunderts nur bekreuzigend und Distanzierungsformeln betend anzunähern wagte, ist dem Diskussionsstand und der zeitlichen Distanz von heute nicht mehr angemessen. Tatsächlich kann man sich selbst mit der Architektur Speers besser und objektiver auseinandersetzen, wenn sie sorgfältig und anschaulich ediert auf den Tisch kommt.

Das Ärgernis des Prachtbandes liegt woanders. Er ist in Wirklichkeit kein Buch über die Architektur Albert Speers und schon gar kein Buch über den Architekten Albert Speer. Es ist ein Buch über die Sehnsüchte des Leon Krier, über seinen Traum von einer durch seine Architektur geläuterten Gesellschaft. Dazu bedient sich Krier Speers, und er kann das um so wirkungsvoller, als die bisherige Fachdiskussion sich dieses Architekten nur betont prüde und unkritisch angenommen hat. Speer ist immer noch das Schreckgespenst aller demokratischen Architekten.

Krier gibt sich frivol und baut auf der sophistischen Umkehrung dieses konventionellen Erschreckens seine eigene Argumentation auf. Er deutet dieses Erschrecken um in eine Strategie zur Unterdrückung der wahren Wünsche der Massen. Speers Architektur befriedigte in Wirklichkeit diese Wünsche, und so tut es die Architektur des Leon Krier. Krier veröffentlicht das Werk Speers, um ein Vehikel zu haben für seine eigene Botschaft von der kathartischen Kraft der klassischen Architektur in unserer durch das „industriell-militärische System“ deformierten Gesellschaft.

Für Krier ist Deutschland infolge seiner fortgeschrittenen Industrialisierung das häßlichste Land Europas. Seine Städte wurden nicht durch alliierte Bomber zerstört, sondern durch den Wiederaufbau zu einem modernen Industriestaat. Er spinnt deshalb die Fabel eines durch den Morgenthauplan zu seinen reinen Ursprüngen zurückgeführten Landes, dessen Industriekapitäne mit ihren politischen Komplizen in Nürnberg zu lebenslanger Haft oder zum Tode verurteilt worden sind. In diesem von der Großindustrie befreiten Deutschland hätte sich die Speersche Architektur großartig entfalten können, und der Meister selbst hätte sich als Wiederaufbauminister höchste Verdienste erworben.