Von Gerald R. Blomeyer

In Sachen Nationalsozialismus waren die Architekten bislang außerordentlich empfindsam. Das, was in den Jahren 1933 bis 1945 an Bauwerken entstanden ist, galt als obszön, nicht diskutabel, als sozusagen nicht geschichtsfähig. Doch seit kurzem tut sich etwas. Man tastet sich an das Tabu heran. Man kritisiert. Man differenziert auch ein wenig. Die Architektur trotzt einschlägigen Traditionen und riskiert wieder Säulen, Symmetrien und Monumentales. Publikationen zum Thema „Architektur im Dritten Reich“ vermehren sich ganz rapide. Und die Emotionen kommen dabei auch nicht zu kurz.

Achtzehn Jahre nach der amerikanischen Erstauflage liegt die Studie von Barbara Miller Lane „Architektur und Politik in Deutschland 1918 bis 1945“ auf deutsch vor. In der Fachwelt galt diese kenntnisreiche Einführung in die moderne Architekturgeschichte schon lange als Standardwerk, gerade weil es auch in die Architektur des Dritten Reiches einleitet. Das Verdienst Barbara Millers ist es, zu zeigen, daß die Nazis in ihren Polemiken Argumente aufgriffen, die schon längst vor ihrer Machtübernahme durch den Faschismus gefallen waren. Was es vor 1933 in der deutschen Architektur an einander widersprechenden Auffassungen gab, wurde auch nach 1933 nicht bereinigt. Das ist These, aber auch Kritik der bedeutenden und kenntnisreichen architekturtheoretischen Arbeit über den Zusammenhang zwischen den zwanziger und den dreißiger Jahren.

Die Wegbereiter der Nazi-Propaganda gegen die moderne Architektur (Paul Schultze-Naumburg, Alexander von Senger) waren indes gleich zu Anfang des Dritten Reichs kaltgestellt worden. Man benutzte zwar ihre Argumente, doch ihre Vision deckte sich nicht mit den Plänen der neuen Machthaber, die auf Hitlers persönliche Intervention hin keinen neuen Stil, sondern einen „in sich widersprüchlichen“ Stilpluralismus propagierten.

Ohne die Pionierleistungen der Autorin schmälern zu wollen, sei vermerkt, daß ihr Buch manchmal auch etwas einseitig wird. Frau Miller-Lane bezog wesentliche Teile ihres Materials und ihrer genauen Informationen von Walter Gropius und Ernst May. Das ist natürlich verführerisch. Entwicklungen werden von ihren Protagonisten immer auch ein wenig bereinigt. Auslassungen aber führen zu Fehlurteilen. Schultze-Naumburgs Buchreihe „Kulturarbeiten“ schrumpft zur Artikelserie; die kritischen Auseinandersetzungen Werner Hegemanns mit Form und Bauschäden der Moderne waren der Autorin offensichtlich ebensowenig bekannt wie das tatsächliche Ausmaß der Kontroversen um die Siedlung Weißenhof, um nur drei Beispiele zu nennen. Die Geschichte wird auf einen schwarz-weiß Kontrast Hie-Nazi-Da-Bauhaus reduziert. Solch eine Geschichtsschreibung wird Architekten wie Hermann Muthesius, German Bestelmeyer, Hans Hertlein, Wilhelm Kreis, die weder Nazis noch Bauhaus-Apologeten waren, wird der Förderung der Moderne durch zahlreiche Nazidienststellen, wird der tatsächlichen Vielfalt der Ansätze nicht gerecht.

So konzeptionslos nämlich, aus der Luft gegriffen und nur zur internen Befriedung von zerstrittenen Parteibonzen erdacht, wie die Autorin die architektonischen Leitvorstellungen des Dritten Reichs darstellt, waren sie nicht. Geht man von einer traditionellen Gliederung der Bauten nach Gattungen aus, unterscheidet man also Wohnhaus, Fabrik, Verwaltungs- und repräsentative Staatsbauten, dann ist es ebenso pragmatisch wie theoretisch sinnvoll, von der Utopie einer ästhetischen Einheitlichkeit abzugehen. Das Nazi-Programm fußt aber auch auf einer frühen psychologischen Einsicht. Denn erst später hat die moderne Architektur bewiesen, daß sie mit ihren Bemühungen um die internationale Einheitsform und den blanken Funktionalismus von vielen Menschen nicht als Identifkationsleitbild, sondern als Bedrohung empfunden wird. So schuf man eine vordergründig an den Menschen angepaßte Fassade, hinter der sich die eigentliche, die moderne Entwicklung, nämlich Rationalisierung, Normierung, Massenproduktion gänzlich ungehindert entfaltete.

Dieter Bartetzkos Interesse gilt dieser Psychologie und dieser Fassade. In seinem Buch „Zwischen Zucht und Ekstase“ untersucht er die zeitgenössischen Auswirkungen von Licht, Bewegung und Film auf die Bauten der dreißiger Jahre. Fast logisch ist, daß die faschistischen Machthaber den Massenmedien wie Radio und Film eine zentrale Bedeutung zumessen. Der Architektur wird die bedeutsame Rolle einer Kulisse, in der sich Bewegungen und Geräusche artikulieren, zugeschrieben. Auch der Bürger ist Bestandteil der faschistischen Inszenierung.