Von Wilfried Kratz

Ernest Saunders holte weit aus, als er vor einem Jahr begründete, warum die von ihm geführte Brauerei Guinness sich anschickte, den sehr viel größeren Gin- und Whiskykonzern Distillers zu schlucken. "Einmal in vielleicht jedem Jahrzehnt kommt eine Gelegenheit, etwas wirklich Großes in einem internationalen Maßstab zu schaffen, ein Symbol der expandierenden Wirtschaft des Landes, ein Eckstein der Großbritannien AG im Marktplatz der Welt." Ernest Saunders ist über den Eckstein gestolpert. Der 51 jährige stürzte im Gefolge einer amtlichen Untersuchung möglicher aktienrechtlicher Verfehlungen bei der Übernahme von Distillers. Für ihn ist der Traum, eine der größten internationalen Getränkegruppen in die neunziger Jahre zu führen, ausgeträumt. Guinness torkelt ohne ihn in eine ungewisse Zukunft, während zwei vom Handelsministerium eingesetzte Inspektoren Dokumente sichten, Aktionärslisten prüfen und Zeugen vernehmen. Es ist eine Untersuchung, die über Guinness/Distillers hinaus Bedeutung hat, denn sie berührt die Taktiken und Praktiken des britischen Übernahmespiels, und zwar vor allem in den nicht seltenen Fällen, wo das Opfer sich wehrt oder von einem zweiten Jäger verfolgt wird.

Der letzte Akt in dem Drama vom Aufstieg und Fall des Ernest Saunders begann am 1. Dezember, als Handelsminister Paul Channon eine amtliche Untersuchung verfügte und zwei Inspektoren in das Hauptquartier von Guinness am Londoner Portman Square entsandte. Die beiden mit weitreichenden Vollmachten ausgestatteten Experten des Aktienrechts und der Börsenpraxis weiteten ihre Nachforschungen sehr schnell aus und baten Merchant Banks und Aktienbroker um Kooperation. Ihre professionelle Neugier richtete sich auf diesen Punkt: Hat Guinness während des Übernahmekampfes, in dem sich auch die Handelsgruppe Argyll um die schottischen Whiskybrenner bemühte, durch unerlaubten Kauf eigener Aktien den Guinness-Kurs in die Höhe getrieben, um den Wert seines Aktientauschangebots über den von Argyll zu steigern?

In der kritischen Phase im April, als sich das monatelange Ringen um die Gunst der Distillers-Aktionäre seinem Ende näherte, war jeder Penny, um den die Aktienkurse von Guinness oder Argyll stiegen oder sanken, umzumünzen in eine Waffe in diesem wohl heißesten und erbittertsten Übernahmekampf, den Großbritannien erlebt hat. Die gezackten Kurskurven der beiden Bewerber zeigten heftige Ausschläge, die in Aktionärsbriefen und Zeitungsanzeigen, mit denen sich Guinness und Argyll heftig bekriegten, entsprechend genutzt wurden. Schließlich obsiegten die irisch-britischen Brauer mit einem Angebot im Wert von 2,5 Milliarden Pfund. Argyll ging von der Walstatt mit vergeudeten Übernahmekosten von 34 Millionen Pfund, eine Rechnung, die mehr als einem halben Jahresgewinn der Handelsgruppe entsprach.

Hat Guinness den Aktienkurs manipuliert, damit gegen das Aktienrecht verstoßen und sich mit einem Täuschungsmanöver in den Besitz von Distillers gebracht? Seit die Inspektoren prüfen, sind verschiedene Informationen herausgetröpfelt:

Der amerikanische Geschäftsmann Meshulam Riklis, dessen Getränkefirma Schenley Industries einen lukrativen Vertrag für den Vertrieb von Distillers’ Whisky Dewar’s White Label in Amerika hat, enthüllte den Kauf eines Aktienpakets von über fünf Prozent des Guinness-Kapitals auf dem Höhepunkt des Übernahmekampfes. Riklis hat inzwischen auch das Recht für den Vertrieb der Ginmarke Gordon’s erworben.

Guinness investierte nach dem Sieg über Argyll rund einhundert Millionen Dollar in eine Gesellschaft des amerikanischen Finanziers Ivan Boesky, der sich auf Aktientransaktionen vor und im Verlauf von Fusionen spezialisierte. Boesky kam über Insider-Geschäfte zu Fall und wurde mit einer hohen Strafe belegt. Boesky gilt als Quelle von Informationen auch in der Guinness-Affäre. Hat sich Guinness mit der Investition für geleistete Dienste erkenntlich gezeigt?