Von Erwin Brunner und Michael Sontheimer

Polizeiprotokoll aus Wackersdorf: „Die Verbrecher setzten gegen die Polizeibeamten Stahlkugeln, Stahlmuttern, Steine, pyrotechnische Gegenstände, Reizstoffwurfkörper/Raketen und Molotowcocktails ein. Ein Beamter ist dabei in Brand geraten, konnte jedoch schnell gelöscht werden. Bei diesem Einsatz waren insgesamt 36 verletzte Beamte zu beklagen, davon Nasenbeinfraktur durch Stahlkugelbeschuß (auch Schädelprellung und Gehirnerschütterung), Brandwunden im Gesicht, Gesäß und Oberschenkel, Kopfverletzung durch Steinwurf.“

Demonstrantenbericht aus Brokdorf: „Darauf stürzte sich ein ca. 50jähriger Bulle auf mich, drückte mich mit seinem Bierbauch gegen den Sani-Wagen und schrie mir aus der ‚Entfernung‘ ins Gesicht, ich solle die Schnauze halten oder er würde sie mir eigenhändig polieren. Zwei Sani-Frauen versuchten ihn zu beruhigen, und als er ein Stück zurückgegangen war, drehte ich mich wieder Martina zu. Dann schlug er mir von hinten den Knüppel mit aller Kraft quer über die Nieren. Ich kriegte keine Luft mehr, und mir war zum Heulen. So eine dermaßen entwürdigende und demütigende Scheiße war mir auf Demos noch nie passiert.“

Zwei Szenen von den Großdemonstrationen des Jahres 1986. Noch nie waren Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Demonstranten in der Bundesrepublik so brutal:

Am Bauzaun der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf liefern Staat und Atomgegner einander Dauergefechte; Wasserwerfer versprühen „Reizstoffe“, Hubschrauber werfen Gaspatronen in die Menge.

Als die nach Tschernobyl wiedererstarkte Anti-Atomkraft-Bewegung am 7. Juni gegen Brokdorf aufsteht, wird sie durch Großeinsätze der Polizei zerstreut; Zehntausende kommen gar nicht zum Ziel. Eine genehmigte Kundgebung vor dem Werk wird erst durch Hubschrauberlärm übertönt, dann mit Gas auseinandergetrieben.

Tags darauf werden Hunderte Demonstranten auf dem Hamburger Heiligengeistfeld bis zu dreizehn Stunden lang unter entwürdigenden Umständen eingekesselt und in Gewahrsam genommen. Laut Urteil des Hamburger Verwaltungsgerichts gab es dafür keine rechtliche Grundlage.