Von Irmgard Bayer

Im österreichischen Gewerkschaftsbund, dem ÖGB, gibt es derzeit ein Gerangel hinter den Kulissen. Im kommenden Oktober soll auf dem großen ÖGB-Kongreß für den jetzt 74jährigen OGB-Präsidenten Anton dieses ein Nachfolger gekürt werden. Doch schon lange vorher wird die Entscheidung fallen, wem dieses Amt und die damit verbundene Macht zufällt. Zwei führende Gewerkschafter, Adolf Czettel und Alfred Dallinger, kämpfen um den einflußreichen Job. Schon vor einiger Zeit gingen die zwei in den Wahlkampf.

Zwei wichtige Lohnrunden, angezettelt von den Gewerkschaften der beiden Rivalen, wurden so erbittert geführt, wie schon lange nicht in Osterreich. Zweimal kurz hintereinander stand sogar ein Streik unmittelbar bevor, und das, obwohl echte Arbeitskämpfe in der Alpenrepublik eigentlich über Jahre hinweg so gut wie unbekannt waren.

Adolf Czettel ist der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Metall-Bergbau-Energie. Er startete im vergangenen Jahr die Lohnrunde mit ungewohnter Schärfe. Alfred Dallinger ist Chef der Gewerkschaft der Privatangestellten, die größte Gruppe bilden dabei die Handelsangestellten. Die österreichischen Arbeiter sind in den Gewerkschaften nach Branchen und nach Industriegruppen zusammengefaßt, für die Angestellten in der Privatwirtschaft gibt es dagegen nur eine einzige große Sammelgewerkschaft. Ihr Chef Dallinger – im Nebenberuf auch noch Sozialminister in der Bundesregierung – ließ zu, ja, förderte sogar den großen Theaterdonner, mit dem kurz nach den Metallern auch die Handelsangestellten ihre Ge- haltsverhandlungen aufnahmen.

Die Metaller beendeten ihren Lohnkampf erfolgreich: Sie drückten eine 2,5prozentige Lohnerhöhung durch – ohne jede Rücksicht auf die davon betroffene, schwer defizitäre Staatsindustrie – und setzten gleichzeitig eine Verkürzung der Arbeitszeit von 40 auf 38,5 Stunden durch. Vergeblich erinnerten die Arbeitgeber an eine Übereinkunft aus dem Jahre 1985, wonach die Kosten für die schon damals von beiden Tarifpartnern beschlossene Arbeitszeitverkürzung geteilt werden sollten. 3,9 Prozent, so klagten die Arbeitgeber, machten allein die Belastungen aus der kürzeren Arbeitszeit aus.

Zunächst hatten sich die Arbeitgeber vehement gegen eine Lohnerhöhung gewehrt. Vor allem der staatliche Stahlkonzern Voest, der in den nächsten Jahren rund zehntausend Mitarbeiter entlassen muß, und der ebenfalls tief in der Krise steckende LKW- und Traktorhersteller Steyr Daimler Puch kämpften gegen Lohnerhöhungen. Steyr steht im Besitz des mehrheitlich staatlichen Creditanstalt-Bankvereins. Doch als dann tatsächlich ein Streik drohte, fielen auch diese beiden Unternehmen um. Chefunterhändler Alfred Czettel konnte triumphieren: 2,5 Prozent mehr auf die effektiv bezahlten Löhne und nicht bloß auf die tarifvertraglichen Mindestlöhne erreichte er für seine Kollegen. Obendrein gibt es die kürzere Arbeitszeit. Wenn die Berechnungen der Unternehmer stimmen, ergeben Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung zusammen eine Belastung von 5,4 Prozent, die Inflation beträgt in Österreich aber nur rund zwei Prozent.

Weniger erfolgreich lief es bei Dallingers Lohnkampf. Pünktlich, wie alle Jahre vor der weihnachtlichen Einkaufszeit, legten die Handelsangestellten kurz nach dem Metallerabschluß ihre Forderungen auf den Tisch. Sie wollten den Einstieg in die Arbeitszeitverkürzung. Denn für Alfred Dallinger – einem energischen Verfechter der 35-Stunden-Woche – war es schmerzlich, daß ausgerechnet seine Leute bei der kürzeren Arbeitszeit hinter den Metallern herhinkten. Der Punkt „höheres Gehalt“ war da nachrangig. Doch nicht einmal darüber wollten die Arbeitgeber mit sich reden lassen. Wieder drohte ein Streik, der Weihnachtseinkauf schien in Gefahr.