ZDF,12. Januar 1987, 22.15 Uhr: "Die Potse" – Film von Hartmut Schoen über Berlins Potsdamer Straße.

Eine Stadtsteppe ist der Potsdamer Platz heute, Huflattich, irgendwelche Sträucher, Abgerissenes, Eingeebnetes provisorische Buden mit Mauersouvenirs. Und die Touristen strömen, hochwertige Kameras vor gewölbten Bäuchen, was werden sie erkennen später auf den Bildern? Touristen auf dem Aussichtspodest: enttäuschte, verunsicherte, gelangweilte Gesichter, Rätselraten um Gebäude im andern Teil der Stadt oder: "Da gibt’s überhaupt nischt zu sehen. Nur Karnickel und Grenzer."

Hartmut Schoens Film einer "Straße der Politik, der Paläste und Bordelle" tut selten einen Rückgriff in die Geschichte; hier, beim Potsdamer Platz, werden wiran das ausschweifende Treiben in den Zwanzigern erinnert, an Speers Germania-Pläne, an das russische Artilleriefeuer in den letzten Tagen des Krieges, an den 17. Juni und den 13. August. Diese endgültige Ruhe, die der Platz jetzt ausstrahlt, geht sonst nur von Speers herrischen Entwürfen aus: der geplante und der tatsächliche Wandel dieses Platzes haben durchaus miteinander zu tun.

Dann sind wir im "Esplanade", in der Ruine des ehemals prächtigsten Hotels von Europa. Ein greiser Hauswächter, der in seinen Jugendjahren nicht zu den Noblen gehörte, die hier verkehren durften, hütet nun die Reste alten Glanzes. Jetzt darf er. Die Kronleuchter in der Fürstensuite, Teller und Tiegel in der geräumigen Küche – als war nur eben mal Pause. Pause seit fünfzig Jahren, und der Koch schlief ein, als er gerade die Hand zum Schlag erhob. Ferne Operettenklänge aus dem Hauswächterradio, und der Alte schlurft allein über den immer noch prächtigen Marmor. Vielleicht ist die ganze Stadt insgeheim längst zum Museum erklärt worden, nur das lebendige Inventar weiß es noch nicht.

Eine geduldige Neugier der Kamera (Pavel Schnabel) macht, daß der geschilderte Alltag in einer heruntergekommenen Berliner Straße unvermutet spannend und aufschlußreich ist. Auf dem Rennrad des ehemaligen Sechs-Tage-Siegers fahren wir mit, in die Zimmer eines billigen Etablissements werden wir eingelassen. Vier Anwohner der "Potse" zeigen ohne Scheu und Verstellung ihr Leben; die große Intimität des Films hat aber nirgends etwas Peinliches, sie zeugt hier wirklich einmal Nähe und Verständnis.

Die großherzige Prostituierte mit dem Ledergesicht behält ihren Berliner Humor, wenn auch die Kundschaft schwindet. Der alte Rennfahrer stellt sich auch nach dem Schlaganfall wieder an seine Ecke, um Blumen zu verkaufen: "Wenn die Mauer weg war, ja ... Jetzt ist das bloß noch eine Blenderstraße." Alle hängen an diesem Schein des Gewesenen, der ehemaligen Größe, während die Straße in die Unauffälligkeit versinkt.

Im Gebäude des einstigen Volksgerichtshofs sitzt der Alliierte Kontrollrat; zum amerikanischen Walkie-O-Ton des begleitenden Officers haben wir Einblick in eine Innenarchitektur der Einschüchterung. Diese gewaltigen, gewalttätigen Kuppeln, Bögen und Treppen werden streng bewacht von fremden Soldaten. Man bewacht uns vor uns selbst.

Der Sportpalast ist gesprengt, nicht weil uns Goebbels hier zum totalen Krieg aufrief, sondern weil der Massentempel sich gegen das Fernsehen nicht behaupten konnte. Die großen Reden und großen Kriege, der große Glanz und Jammer sind vorbei. An Stelle des Sportpalastes steht der "Sozialpalast", ein Mietshaus, wo man wohnt "wie im Regal". Wir sehen jemanden einziehen, doch irgendwann ist er wieder verschwunden, in den Süden, wie es heißt. Martin Ahrends