Die Kluft zwischen Washington und Moskau ist tiefer geworden

Von Christoph Bertram

Nun verhandeln sie wieder in Genf. Seit dem 15. Januar reden Amerikaner und Sowjets miteinander in einer neuen Runde über Raketen – abwechselnd in der mit hohen Stahlzäunen umgebenen Sowjetmission an der Avenue de la Paix und in dem mit ebenso hohen Stahlzäunen bewehrten amerikanischen Diplomatensitz an der Route de Premgny. Wie nach Reykjavik betonen auch jetzt wieder beide, die Tür zu einem Abkommen sei offen. Bisher jedoch verhalten sie sich wie zwei überhöfliche Herren, die mit der Aufforderung „nach Ihnen“ den Weg zur Rüstungskontrolle blockieren.

Gewiß, Amerikanern wie Sowjets ist offenbar an einem Abkommen gelegen, doch jeweils zu ihren eigenen Bedingungen. Der von der Iran-Contra-Kabale bedrängte amerikanische Präsident könnte gerade jetzt einen außenpolitischen Erfolg nur zu gut gebrauchen. Er sucht schon seit Wochen nach Ereignissen, die immer neue Enthüllungen über dunkle Machenschaften im Souterrain des Weißen Hauses aus den Schlagzeilen vertreiben könnten. Beide Seiten, so sagte der Präsident werbend in seiner Neujahrsansprache an sowjetische Bürger, seien sich doch näher gekommen als je zuvor.

Auch Michail Gorbatschow ist die Ungeduld anzumerken. Er werde, so kündigte er ebenfalls zum Jahresende an, 1987 mit aller Energie auf ein Abkommen mit den Vereinigten Staaten hinarbeiten. An der Spitze der sowjetischen Delegation wurde der farblose Fachmann Viktor Karpow durch Julij Woronzow ersetzt, einen Amerika-Fachmann und engen Vertrauten des für Auslandsbeziehungen zuständigen ZK-Sekretärs Dobrynin. Und in Moskau wird offiziell versichert, der Kreml wolle noch in der Amtszeit Reagans – das heißt bis Anfang 1989 – mit Amerika handelseinig werden. „Wir wollen die zwei Jahre bis zur nächsten Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten nicht vergeuden.“

Unter Zeitdruck

Aber wie die Zeit nutzen? Wie sehr den Tatmenschen im Kreml diese Frage bewegt, zeigt die Hartnäckigkeit, mit der er in den vergangenen Monaten immer wieder von westlichen Besuchern wissen wollte, ob mit Ronald Reagan noch ein Kompromiß möglich sei, bevor der Präsidentenwahlkampf Anfang 1988 die politische Energie Amerikas bindet: „Sie kennen doch die Amerikaner. Was meinen Sie?“ Die Antwort, die der Generalsekretär bisher von allen erhielt, fällt nicht überraschend aus. Nur mit Ronald Reagan sei in naher Zukunft ein Abkommen möglich, nur er könne die Konservativen im Senat – dort ist eine Zweidrittel-Mehrheit für die Vertragsratifizierung nötig – mitziehen.