Von Frank Busch

Hamlet – ein Dortmunder? Der grübelnde, zweifelnde Dänenprinz – ein Sohn der Bierstadt, aus der die Karnevalsprinzen kommen? Gertrud und Claudius sind ratlos. Wie konnte ihr Sohn so aus der Art schlagen? „Er liest“, klagt Gertrud verzweifelt, denn Lesen ist verdächtig. Verdächtig wie Hamlets Kritzeleien auf grauschwarzen Wänden, verdächtig wie das Anarchistenschwarz, in das er sich kleidet.

Solche Extreme sind in der Ruhrgebietsstadt nicht gern gesehen. In gedecktem Grau, mit graugestreifter Krawatte und einem Sportabzeichen am Revers erscheint Hamlets Stiefvater Claudius. Grau in Grau: das ist die Eleganz, die hier trägt, wer Geschmack beweisen will. Ausstatter Gerd Herr muß sich im Foyer des Dortmunder Opernhauses ebenso umgesehen haben wie in den Festsälen der neben dem Theater gelegenen Brauerei. Dort zeigen die Dortmunder Bürgerfrauen gern ihr Bestes – und sehen dann aus wie Hamlets Mutter: Etwas steif, bodenlang und Ton in Ton gekleidet, die Haare frisch gewellt. Die Bühne des umgebauten Kleinen Hauses ist zum Spiegel geworden: Sie ist vollkommen leer, nichts ist darauf zu sehen als das Dortmunder Kleinbürgertum.

Ein Hamlet ist auch Guido Huonder. Die Inszenierung spiegelt die Erfahrungen, die der Schweizer Regisseur gemacht hat, seitdem er zu Beginn der letzten Spielzeit Schauspieldirektor in Dortmund wurde. Bei diesem Spiegelbild stimmt auch das darin enthaltene Selbstporträt des Regisseurs als Grübler: Hamlet (Ines Burkhardt) ist vom Hut bis zu den Schnürschuhen schwarz gekleidet. „Schwarz ist seine Welt. Der läuft doch nur in Schwarz ‘rum“, erklärt der Baudezernent der Stadt Dortmund, Winfried Hinz, und meint nicht Hamlet, sondern Huonder. Über die Farbvorliebe des Schauspieldirektors glaubt sich der Baudezernent so genau informiert, weil Guido Huonder beim Hochbauamt der Stadt darum gebeten hat, die Decke des Schauspielhauses und den neu installierten Eisernen Vorhang dunkel zu halten.

Vergeblich. Das Hochbauamt verpaßte dem Eisernen Vorhang einen braunroten Anstrich, der mit seinem geometrischen Muster den Charme einer gefliesten U-Bahn-Station ausstrahlt. Die städtischen Planer wissen sich der Öffentlichkeit verpflichtet und dachten beim Theaterumbau zuerst ans Publikum, erklärt der Baudezernent. So ist aus dem ursprünglichen Plan, ein dringend notwendiges Magazin anzubauen und die Bühnentechnik zu modernisieren, ein 10,6-Millionen-Umbau geworden, der das Schauspiel schöner, repräsentativer und bequemer machen sollte. Die Stadt, so formuliert der Pressesprecher, bricht auf in die neunziger Jahre.

Der Start zu dem gewaltigen Unternehmen vollzieht sich geradezu Hals über Kopf, es blieb keine Zeit, für das Bauvorhaben einen Architektenwettbewerb auszuschreiben, die Planung und Gestaltung wurde kurzerhand von den im Schul- und Hallenbadbau erfahrenen Architekten der Stadt übernommen. Konzeptionslosigkeit? „Das ist das Leben“, stellt der Baudezernent klar, der auch Stadtdirektor ist: „Vor drei Jahren sollte das Schauspiel noch geschlossen werden, und jetzt ist plötzlich das Geld für den Umbau da.“

Dieses Schwanken zwischen verzagendem Kleinmut und überraschender Kühnheit, wenn es um das Theater geht, hat in der Dortmunder Kommunalpolitik Tradition. Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg begann mit einem Provisorium neben der Ruine des Stadttheaters von 1904. In den fünfziger Jahren entschloß sich die Stadt dann, nicht weiter an der Ruine herumzuflicken, sondern ein völlig neues Haus zu schaffen. Sie entschied sich unter den Bauentwürfen für das eigenwillige Modell eines Düsseldorfer Architektenteams, das den Zuschauerraum mit einer kuppelüberwölbten Glasfront von den übrigen Bauteilen abhob. Der mutigen Entscheidung folgte bald die Reue: Edgar Tritthart, einer der Architekten, beschreibt den Leidensweg „Vom Wettbewerbsentwurf zur Ausführung“: „Nachdem ein eingehender Kostenvoranschlag aufgestellt war, herrschte allgemeine Bestürzung über die Höhe der Baukosten. Durch radikale Sparmaßnahmen verlor der Entwurf eine seiner wesentlichen ‚Ideen‘, er näherte sich dem Typus des deutschen Nachkriegstheaters. Alles wurde bescheidener.“