Baden-Baden: "ZEN 49"

Die "Gruppe der Gegenstandslosen", deren Mitglieder sich dann auf den plakativeren Namen "ZEN 49" einigten, war nur wenige Wochen jünger als die Bundesrepublik. Die ungefähre Gleichzeitigkeit der beiden Gründungsdaten war keineswegs ein Zufall, denn die Gruppe verstand sich als Wegbereiter einer neuen demokratischen Kultur, die "nach der Anti-Kultur der Nazis" nun aufzubauen war. ZEN 49, zunächst nur eine Handvoll Künstler (Willi Baumeister, Rolf Cavael, Gerhard Fietz, Rupprecht Geiger, Willy Hempel, Brigitte Meier-Denninghoff, Fritz Winter), entwickelte sich rasch zu einer repräsentativen Vereinigung der Abstrakten: Schon an der ersten Ausstellung (1950) nahmen Max Ackermann und Fred Thieler (sowie Wolfgang Hildesheimer, der damals gerade von der Malerei zur Literatur wechselte) als Gäste teil, bei der zweiten stellten sich Karl Hartung, Hans Trier, Hans Uhlmann und die ausländischen Mitglieder Hans Hartung und Pierre Soulages als Neuzugänge vor, Julius Bissier, K. R. H. Sonderborg, Theodor Werner, E. W. Nay, K. O. Götz, Norbert Kricke, Bernard Schultze, Emil Schuhmacher und andere folgten. Die Amerika-Tournee 1956/57, Höhepunkt und Abschluß der Ausstellungsaktivitäten der Gruppe, zeigte, daß es ZEN 49 gelungen war, deutsche Nachkriegskunst international hoffähig zu machen. Mit gutem Grund also beginnt die Kunsthalle Baden-Baden ihre Ausstellungsreihe "Die ersten zehn Jahre – Orientierungen" mit einem Rückblick auf ZEN 49, jene lockere Künstlervereinigung, die – gegründet am Ende der Trümmerzeit und schon mitten im Kalten Krieg – sich auf die Tradition des Bauhauses berief und damit gegen den Widerstand der Konservativen die Kontinuität der Avantgarde behauptete. Mit Erfolg, nicht zuletzt, weil gegenstandslose Kunst in den frühen fünfziger Jahren sich im ideologischen Grabenkampf als brauchbares Vehikel erwies. Diejenigen, die dem verlorenen Menschenbild in der Malerei und Plastik nachjammerten, hatten zwar auch mächtige Verbündete, doch hatten sie der Aufbruchsstimmung, der Frische und dem Optimismus der ZEN-Künstler wenig entgegenzusetzen. Diese Eigenschaften, die heute noch durchschimmern, machen verständlich, warum die gegenstandslose Kunst in den Nachkriegsjahren eine Hoffnung auf Erneuerung bedeutete. (Kunsthalle bis zum 15. Februar; der Katalog mit umfassender Dokumentation kostet 44 Mark).

Helmut Schneider

Hamburg: "Ensor"

Der Herr mit dem Hut und dem Überzieher dreht uns den Rücken zu. Auf die Hauswand, an die er gerade pinkelt, sind Männchen gekritzelt, oben steht der Satz "Ensor est un fou – Ensor ist ein Spinner." Mit einer Mischung aus Selbstironie und Verbitterung hat James Ensor, der Zeitgenosse der Impressionisten und Surrealisten ebenso wie von Matisse und Picasso, in seinem Werk immer wieder Auskunft gegeben über sein außenseiterisches Selbst, seine Einsamkeit zwischen Hochmut und Verzweiflung, seine Obsessionen, seine Rollen. 1860 wurde er in Ostende geboren, 1949 starb er dort – fast ein Leben lang hatte er nicht seinen Ort, sein Haus, seinen Platz mit dem Blick auf das im Winter stumpfgraue, im Sommerlicht perlmuttschimmernde Meer verlassen. Als Dreiunddreißigjähriger hatte er sein Hauptwerk geschaffen, aber niemand wollte die durchsichtigen Stilleben mit den funkelnden Fischen und schlingernden Blumen, die grellfarbigen Maskengesellschaften, die ebenso zynischen wie sehnsuchtsvollen Neuformulierungen religiöser Sujets (immer diente die Christusgestalt der Selbstidentifikation) sehen. Als er, der ewigen Zurückweisung und Nichtbeachtung müde, eines Tages den Inhalt seines Ateliers für 8500 Franken verkaufen wollte, da fand er keinen Interessenten; erst 1949, beim Leichenzug des Mannes, der sich selbst überlebt hatte, versammelten sich die gerührten Mitbürger, an deren taube Ohren sein später Ruhm gedrungen war. Eine Ensor-Ausstellung heute zu veranstalten, ist, vor allem wegen des schlechten Zustands der Bilder, extrem schwierig – die große, umfassende Übersicht des Werkes, die 1983 im Kunsthaus Zürich und im Königlichen Museum von Antwerpen (das die wichtigste Ensor-Sammlung hat) zu sehen war, war ein langvorbereiteter Glücksfall. Daß man sich in Hamburg dennoch an das Thema Ensor herangewagt hat, ist mutig und sinnvoll: Der Künstler wurde hier noch nie in einer Einzelausstellung gezeigt. Diese Veranstaltung einfach "Ensor" zu nennen, ist allerdings etwas lapidar: denn die rund fünfzig Gemälde und Zeichnungen, die zu sehen sind, leiten von einigen dunklen, realistischen Stilleben und Interieurs fast direkt zum Spätwerk (in dem eine seltsame Affinität zum späten Magritte deutlich wird), jener Lichtmalerei der hellen, fast ungemischten Farben, die den Gegenstand teils illuminieren, teils mit Zuckerguß zu Boden drücken. Zur Attraktion der (von einem prächtigen Katalog begleiteten) Hamburger Ausstellung gehören die Radierungen: Irgendwo zwischen Karikatur und den Alpträumen von Bosch und Brueghel kommt hier auch jene Rhapsodie ans Licht, dessen glühende, wuchernde Wortvisionen oft den Bildern Konkurrenz zu machen scheinen: "Oh, man muß sie sehen, die Masken, unter unserem weiten, opalenen Himmel, wenn sie sich, von grausamen Farben beschmiert, armselig, mit gekrümmten Rücken jämmerlich unter dem Regen fortbewegen. Was für eine beklagenswerte, wilde Flucht, entsetzte Figuren, zugleich unverschämt und scheu, brummend und kläffend, mit durchdringenden Fistelstimmen oder Tönen von außer sich geratenen Clairons ... Eine abstoßende, aber deshalb nicht minder in Bewegung geratene Humanität unter den von Pailletten funkelnden Resten, die von der Maske des Mondes gerissen wurden. Darauf habe ich groß gesehen, und mein Herz begann zu beben und meine Knochen zitterten, und ich habe die Ungeheuerlichkeit der Deformationen erraten und den modernen Geist überholt..." (Kunstverein bis zum 8. Februar, Katalog 34,– DM)

Petra Kipphoff