Von Helmut Schneider

Der Freistaat Bayern will unbedingt auf dem Gelände des Unteren Hofgartens, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Münchner Residenz, eine Staatskanzlei bauen. Die Landeshauptstadt München versuchte erst zögernd, dann aber so entschieden wie viele engagierte Bürger, ihm das auszureden. Die Tatsachen sind bekannt, die Fronten nach wie vor unverändert. Obschon die Bagger, die bereits mit dem Aushub begonnen hatten, im Augenblick untätig herumstehen (aber das hat nichts mit der winterlichen Kälte zu tun, sondern mit der archäologischen Auswertung der Funde, die sie freigeschaufelt haben), muß man befürchten, daß die Fahrzeuge ihre Wühlarbeit in einigen Monaten fortsetzen werden. Denn nichts spricht dafür, daß die Argumente gegen den Bau, die bisher schon an der Arroganz der Bürokraten abprallten, nun plötzlich Wirkung zeigten.

Auf die überzeugenden Einwände gegen den Bau einer Staatskanzlei am vorgesehenen Ort reagiert die andere Seite einfach nicht, ihr Verständnis von Regierungsautorität läßt es vermutlich auch gar nicht zu. Längst sind städtebauliche Fragen, das Problem der visuellen Verträglichkeit des Neubaues mit dem historischen Ensemble, aus dem Blickfeld geraten – die ganze Planung ist nur noch auf Vollzug programmiert. Nach Lage der Dinge sind die Würfel gefallen, der weiß-blaue Caesar hat den Daumen gesenkt.

Doch da hat in fast aussichtsloser Situation der Münchner Stadtrat nun einen letzten Versuch unternommen, eine Lösung zu finden, welche das Schlimmste verhindert und zugleich einen attraktiven anderen Standort empfiehlt. Er übertrug die Aufgabe, den riesigen Stein des Anstoßes vom Hofgarten zu entfernen und eine für die Staatskanzlei ebenso repräsentative Stelle zu finden, einem „Entwurfsseminar Hofgarten-Altstadtring“, an dem sich Architekten aus München und von anderswo beteiligen sollten. Zwölf hatte man eingeladen, einige, darunter Gottfried Böhm, Giorgio Grassi, Hans Hollein und Richard Meier, haben abgesagt (dabei spielten, wenn man der Fama trauen darf, Intrigen von Gegnern des Seminars eine nicht unerhebliche Rolle), aber sieben sind gekommen.

Das Entwurfsseminar, definiert als ein einstufiges städtebauliches Gutachterverfahren, hat im Dezember stattgefunden – ein Experiment mit ungewissem Ausgang; denn es stand ja nicht von vornherein fest, daß die Teilnehmer, notorische Individualisten, am Ende einer einwöchigen gemeinsamen Klausur auch das erhoffte Ergebnis liefern würden, nämlich einen Rahmenplan für das zukünftige Bauleitplanverfahren in diesem Bereich. Zur Überraschung auch der Beteiligten war man sich sehr schnell einig über die wesentlichen Punkte, unbeschadet unterschiedlicher Ansichten im Detail. Das Ergebnis der Überlegungen gefiel auch dem lange Zeit am Sinn einer derartigen Veranstaltung zweifelnden Oberbürgermeister Georg Kronawitter. Er fand das Resultat so faszinierend, daß er, wie er bei der Präsentation der Entwürfe vor der Presse sagte, „noch einmal alles daran setzen möchte, um auch den Ehrenbürger der Stadt, Herrn Ministerpräsident Strauß, davon zu überzeugen, daß er die jetzt programmierte städtebauliche Todsünde auf jeden Fall verhindern muß“.

Ob er der inständigen Bitte des Oberbürgermeisters gnädig zustimmen wird, ist allerdings mehr als zweifelhaft; denn die Gutachten haben gezeigt, daß im Bereich des Hofgartens vieles möglich ist, eines jedoch überhaupt nicht: die Staatskanzlei mitten auf dem Gelände. Zum erstenmal offensichtlich im Verlauf der jahrzehntelangen Planungen haben die Teilnehmer des Seminars eine ernsthafte Güterabwägung vorgenommen, die Ansprüche des Hofgartens und die des Neubaues gewogen, und haben dabei entdeckt, daß es nach einer Verwirklichung des Projekts im vorgesehenen Bauvolumen zwei Verlierer gäbe: den Hofgarten, dessen historische Gestalt beschädigt wäre, und die Staatskanzlei, die an diesem Ort nicht optimale Wirkung entfalten könnte.

Die Mehrheit der Architekten plädierte für den Standort zwischen der Residenz, dem Gelände des ehemaligen Armeemuseums und dem Altstadtring. Hier würde die Staatskanzlei, in unmittelbarer Nähe zu ihrem „Vorgängerbau“, zu den geplanten Museen und zum Hofgarten, einen einleuchtenden städtebaulichen Stellenwert erhalten. Ob man diesen Bau dann als Fortsetzung der Residenz begreift (wie Otto Steidle), ihn an der Achse des ehemaligen Armeemuseums orientiert, (wie Josef Paul Kleihues) oder an der des Marstalls (wie Heinz Hilmer/Christoph Sattler), ob man ihn als Drehpunkt plaziert (wie Leon Krier) oder als Solitär freistellt (wie Stephan Braunfels) – das wäre erst im Ernstfall, nach einem ordentlichen Architektenwettbewerb zu entscheiden. Praktikabel erscheint es auch, die Staatskanzlei im derzeitigen Landwirtschaftsministerium an der Ludwigstraße unterzubringen (wie Otto Schultz-Brauns es vorschlägt). Mit dem alternativen Standort am anderen Ende des Hofgarten kommt auch Braunfels’ Vorschlag, Regierungsviertel und Museumsviertel voneinander zu trennen, das eine um den Odeonsplatz, das andere am südlichen Hofgarten, neuerlich ins Spiel. Und damit die Überlegung, ob nicht doch das ehemalige Leuchtenbergpalais das optimale Gehäuse für die Staatskanzlei wäre...