Hell ist gut. Dem Menschen behagt Licht. Die Sprachen wimmeln von Licht-Metaphern. Es ist eine helle Freude. Es wird uns licht ums Gemüt. Die Mienen strahlen. Und die Klarheit des Herrn leuchtete um die Hirten. Brüder, zur Sonne, ... Hab’ Sonne im Herzen. Das Helle ist das gut Sichtbare; und etwas gut wahrnehmen heißt (fast) es verstehen. Ein Tatbestand wird erhellt, darauf geht einem ein Licht auf, er leuchtet ein, und das Ganze ist ein Stück Aufklärung. Lichtlos dagegen ist schlecht. Wer mag Finsterlinge mit düsteren Mienen? Obskurantisten? Dunkelmänner? Schwarz wie die Nacht ist deine Seele, o Fürst der Hölle. Im Japanischen sind Düsternis und Depression Synonyme. Und finden nicht viele von uns diese dunklen Tage schwer zu ertragen? Leben wir nicht auf, wenn wir ihnen entrinnen können? Setzt Menschen aus sonnigeren Ländern, die es in unsere Breiten verschlagen hat, nicht ganz besonders auch der Mangel an Licht zu?

Diese Affinität zum Licht – offenbar ist sie nicht nur eine Kulturtradition, die sich bei entsprechenden erzieherischen Anstrengungen ausmerzen oder in ihr Gegenteil verkehren ließe, so daß uns allen die Dunkelheit ebenso lieb würde wie die Helligkeit. Sie ist auch keine rationale Wahl, die bloß um ihres praktischen Nutzens willen getroffen wird: weil man bei Licht besehen die Welt halt besser erkennt. Immer deutlicher stellt sich heraus, daß sie gründlicher in uns verankert ist, eine der elementaren Parteilichkeiten, die unserem Geistorgan eingebaut sind. Noch sind die neurophysiologischen Zusammenhänge unserer Lichtaffinität weit von ihrer völligen Aufklärung entfernt. Aber in den letzten zehn Jahren ist in dem Puzzle ein Stück zum anderen gekommen, und ein erstes ungefähres Bild zeichnet sich ab.

Das Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie hat in Erding-Andechs bei München eine Außenstelle, in der die Professoren Jürgen Aschoff und Rütger Wever chronobiologische Vorgänge erforschen. Unter der Erde befindet sich dort ein einigermaßen komfortabel ausgestatteter Bunker, in den kein Lebenszeichen von draußen dringt: kein Tageslicht, kein Geräusch. Auch Uhren fehlen, Radios, Fernseher, Telephone. Seit Jahren wird an freiwilligen Versuchspersonen dort beobachtet, was geschieht, wenn ihnen tage- oder wochenlang jeder Hinweis darauf vorenthalten wird, was die Stunde schlägt.

Tatsächlich schwingen die biologischen Rhythmen des Körpers auch ohne äußere „Zeitgeber“ weiter: Sie „laufen frei“. Es bleibt etwa bei einem regelmäßigen Wechsel von Wachen und Schlafen. Die Länge der selbstgeschaffenen, endogenen „Tage“ aber stimmt bald nicht mehr mit den Tagen draußen überein, sondern beträgt nur noch ungefähr 24 Stunden. Bei manchen fällt der „zirkadiane“ Tag kürzer, bei den meisten länger aus; im Durchschnitt liegt er bei 25 Stunden. In etlichen der Experimente, ließ man den Versuchspersonen Zeitzeichen zukommen, schaltete etwa die Beleuchtung in regelmäßigen Abständen aus und ein oder ließ einen Gong ertönen. So wurden „Tage“ von theoretisch beliebiger Länge (oder Kürze) vorgegeben; die Frage war nur, welche Verlängerungen die Versuchspersonen mitmachten.

Tage mit 29 Stunden

Durch das Ein- und Ausschalten der Lampen ließ sich die endogene 25-Stunden-Periode nur um eine halbe Stunde ausdehnen; bei größeren Verlängerungen setzten sich die Bunkerbewohner über die von außen diktierten Zeitzäsuren einfach hinweg. Wirksamer waren der Gong und andere „soziale Zeitgeber“ – mit ihnen konnte man den „Tag“ im Bunkerappartement um bis zu zwei Stunden verlängern. Der Schluß daraus lautete zunächst: Im Unterschied zu Tieren, bei denen ausschließlich der Hell-Dunkel-Rhythmus ihrer Umwelt den Wach-Schlaf-Rhythmus steuert, reguliere den Rhythmus des Menschen vor allem sein Zeitbewußtsein; ihm genüge das Wissen, daß jetzt Morgen und jetzt Abend ist. Das Licht hingegen sei bei ihm ein ausgemacht „schwacher Zeitgeber“.

Es war ein vorschneller Schluß. Tatsächlich beeinflußt normale künstliche Zimmerbeleuchtung die Periodendauer der biologischen Rhythmen der Menschen nur schwach. Bei näherem Hinsehen zeigte sich aber, daß starkes künstliches Licht, so hell wie das eines sonnigen Tages, durchaus ein wirksamer Zeitgeber ist. Schaltet man im Isolationslabor Speziallampen mit einer Beleuchtungsstärke von mindestens 2500 Lux* ein und aus, dann nehmen die Versuchspersonen Verlängerungen ihrer Tagesperioden auf 29 Stunden willig hin!