Hamburg

Ramazan war erst der Anfang“, warnte vor einem Jahr eine Parole am Hamburger S-Bahnhof Landwehr. An dieser Stelle hatten fünf „Skinheads“ den Türken Ramazan Avci mit einem Axtstiel und Knüppeln so traktiert, daß er Weihnachten 1985 starb.

Nach dem Tod des 26 Jahre alten Türken kam es zu weiteren gewalttätigen Übergriffen gegen Ausländer. Am Tag des Trauerumzuges für den toten Ramazan Avci verletzten sieben „Skins“ einen Türken und seine beiden Söhne mit Bierflaschen und Ketten. Die rechtsradikalen Jugendlichen suchten ihre Opfer vor allem nachts auf S-Bahnhöfen. Mehrere Türken wurden schwerverletzt.

Der zuständige Dienststellenleiter der Hamburger Polizei glaubt heute, daß dies „nur ein kurzes Aufflackern“ war: „Die Skins haben sich zurückgezogen. Die Avci-Geschichte hat vielen von ihnen einen Schock versetzt.“ In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres habe es so schwerwiegende Gewalttaten der Skinheads gegen Ausländer nicht mehr gegeben, stellen sowohl die Polizei als auch türkische Organisationen fest. Aus den Hamburger Jugendeinrichtungen, sagt Sozialsenator Jan Ehlers, seien Gewalttätigkeiten zwischen Deutschen und Ausländern zwar nicht verschwunden, aber ihre Zahl habe abgenommen. Die türkischen Jugendgruppen, die sich nach dem Tode Avcis zur „Selbstverteidigung“ formiert hatten, gibt es nicht mehr. Die „Grünen Bomber“ aus Hamburg-Bergedorf und die „Champs“ aus St.-Pauli, einst angetreten, um es den Skins heimzuzahlen, sind inzwischen auseinandergelaufen.

Die Kneipe am S-Bahnhof Landwehr, wo Ramazan Avci erschlagen wurde,hat im Sommer den Besitzer gewechselt und ist vom Skin-Treffpunkt wieder zur gutbürgerlichen Gaststätte geworden. Die Täter sind gefaßt und erhielten Haftstrafen von einem Jahr bis zu zehn Jahren. Auch die drei Jugendlichen, die im Juli 1985 den Türken Mehmet Kaymakci mit einer Betonplatte getötet hatten, wurden verurteilt, zu sieben und acht Jahren Gefängnis.

Vor Gericht stand kürzlich auch der 18jährige Türke Yurdan Karaman. Er hatte vier Wochen nach dem Tode Avcis einen Skin mit dem Messer schwer verletzt. Der junge Türke habe sich bedroht gefühlt, gestand ihm das Gericht zu und urteilte im Dezember: Zwei Jahre Jugendstrafe auf Bewährung.

War also der Tod Ramazan Avcis nur ein bedauerlicher Einzelfall ohne politischen Zusammenhang, wie die Polizei und die meisten Politiker der Hansestadt nach der Tat meinten? Die Türken sehen dies anders.

Ein Jahr nach dem Verbrechen ist in den türkischen Familien die Angst nicht verflogen. Mancher Türke benutzt die öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr, manche Eltern haben immer noch Angst, ihre Kinder zur Schule zu schicken, und viele Jugendliche haben es schwerer als früher, die Erlaubnis zum Ausgehen zu erhalten. Türkische Mädchen „bewaffnen“ sich mit Pfeffer, manche lernen Karate.

Was müßte sich ändern, damit sie sich sicherer fühlen könnten? Die Politik müßte sich ändern – zu diesem Schluß kommt das Bündnis Türkischer Einwanderer in Hamburg, eine Vereinigung von etwa 20 türkischen Vereinen, Moscheen und Gewerkschaftsgruppen, die sich nach dem Tode Ramazan Avcis zusammengeschlossen haben. Eine „grundlegend neue Einwanderungspolitik“ fordert ihr Sprecher Hakki Keskin. Dazu gehörten Erleichterungen bei der Einbürgerung und Aufenthaltsberechtigung, das kommunale Wahlrecht für seßhaft gewordene Ausländer und Maßnahmen „gegen die Gettoisierung“.

Keskin kritisiert, die verantwortlichen Politiker der Hansestadt hätten ihren Versprechungen keine Taten folgen lassen, sich herausgeredet mit dem Hinweis, das Bundesrecht setze Grenzen. Doch könnte sich Hamburg ein Beispiel an Hessen nehmen. Enttäuscht sind die Türken auch vom Verlauf des Strafverfahrens gegen die Skinheads. Sowohl in diesem Prozeß als auch im Mordfall Mehmet Kaymakci hätten die Richter rassistische Motive der Täter nur am Rande erkennen wollen. Das sei keine gute Grundlage für die weitere Bekämpfung der Ausländerfeindlichkeit, klagt Hakki Keskin.

Die pauschalen Vorwürfe des türkischen Bündnisses seien ungerechtfertigt, meint dagegen Hamburgs Sozialsenator Jan Ehlers. Schließlich seien die Politiker nicht untätig geblieben. Die Arbeit der freizeitpädagogischen Einrichtungen habe sich stärker an den Problemen des deutsch-ausländischen Zusammenlebens orientiert. Vor allem aber verweist Ehlers auf einen gründlichen Umbau der Jugendsozialarbeit in Hamburg: „Mobile Kinder- und Jugendarbeit“ heißt das Konzept, das vor kurzem als Antwort auf ausländerfeindliche Gewalttaten von Jugendlichen beschlossen wurde. Künftig sollen die Sozialarbeiter beweglicher sein, Kinder und Jugendliche an ihren Treffpunkten aufsuchen. Der Senator verspricht sich davon einen „größeren Nutzeffekt“ bei gleichbleibenden Kosten.

Zieht der Senat ein Jahr nach dem Verbrechen an Ramazan Avci eine positive Bilanz? Jan Ehlers: „Was wir versprochen haben, ist geschehen. Aber das ist eine ständige Aufgabe für alle Bürger, der man sich nicht mit dem Hinweis auf staatliche Maßnahmen entziehen kann.“ Sabine Stamer