Alma hatte wirklich Probleme, und Bauer Loopmann in Bienenbüttel bei Uelzen fürchtete schon das Schlimmste. Dabei war, wie rasch diagnostiziert, die Sache fast harmlos: Almas Euter verkrampfte sich bloß beim Melken, und dieses Problemchen sei, so ward Bauer Loopmann geraten, mit etwas Radio im Stall rasch behoben. Doch was mußte der Ökonom erleben? Deutschlandfunk, Deutsche Welle, NDR 1 und NDR 2, selbst die Stimme der DDR – es wollte nicht klappen, Almas Euter blieb mimos. Erst mit Beginn dieses Jahres läuft es endlich. FFN, der neue private Musiksender aus Hannover, geht voll in die Kuh, so daß die Milch mit Schwung in den Eimer prasselt. Das sei wirklich die größte Erleichterung seit Erfindung der Melkmaschine, sagt Bauer Loopmann, und Kollegen aus Holstein, deren Kühe schon monatelang Radio Schleswig-Holstein im Stall haben, wissen das längst. Mit dem Computer klangfarblich subtilst ausbalanciert, fahren RSH und FFN und RHH und wie sie alle heißen genau "middle of the road": mal softig verreggaed, mal hard & tender, mal funky deutsch, mal tscheina Salsa. Prima Zeiten für Alma.

Bauer Loopmann selber hört eher wenig Radio. Die "Plattdeutsche Morgenansprache" schon mal, aber jetzt auch nicht mehr, weil der Norddeutsche Rundfunk die von fünf auf drei Minuten gekürzt und irgendwo im Mittagsprogramm versteckt hat. Ja, das ist seltsam: Da nämlich die neuen Musickanäle sich einer so hohen "Einschaltquote" rühmen, beschloß der Norddeutsche Rundfunk, in seinem populären 2. Programm alles, was mit Wort, mit Sprache und Sprechen zu tun hat, kräftig zurückzuschneiden. Was der Sender (und andere Anstalten des öffentlichen Rechts sind ihm mit dieser Selbstverstümmelung bereits vorausgegangen) dabei gar nicht bedachte, ist die Tatsache, daß "Einschaltquote" noch lange nicht "Hörer" bedeutet. In unserem Fall zum Beispiel hat der kommerzielle Melkfunk zwar durch Alma an Einschaltung gewonnen, der NDR aber, mit gleichgeschaltetem Programm, an Hörern verloren.

Das ist es, worüber die Funkanstalten entscheiden müssen: Wollen sie für Einschalter senden oder für Hörer, für Ohren oder für Euter? Wollen sie bloß eingeschaltet oder wollen sie auch gehört werden, wollen sie ein Programm machen oder Melkstimulanz bieten?

Ich wage die Behauptung: NDR und WDR 3 oder HR 2 oder BR 2 – jeder einzelne dieser von den neuen Programmstrategen so oft bespöttelten "Kultursender" hat mehr Zuhörer als alle privaten Soft-Hard-Rock-Beat-Pop-Stationen zusammen. Zuhörer, wie Walter Dirks sie beschrieb, als er vor kurzem NDR und WDR 3 zu dem vierzigjährigen Bestehen ihrer gemeinsamen Essay-Sendung "Gedanken zur Zeit" gratulierte: Es sind die Menschen, "die einen guten Kopf und ein lebendiges Herz haben" und die bereit sind, "Kopf und Herz einzusetzen. Es sind Leute, denen man weder mit vielen Fremdwörtern, noch mit vielen Fachinformationen, noch mit abstrakten Gedanken kommen kann, die aber so intelligent und so wach sind, daß man ihnen die Anstrengung des Mit-Denkens, des Nach-Denkens zutrauen und zumuten kann." Und nur, wer für diese, also für Zuhörer, sendet, kann ein Profil entwickeln, darf überhaupt von "Programm" sprechen. Nur ein solcher Sender darf sich, wie Walter Dirks meinte, als "ein eigenes Subjekt" verstehen, "der im Gesamtdialog der deutschen Meinungen eine Stimme hat, so wie die wenigen großen Tageszeitungen".

Wir kommen zum heiklen Kern der Affäre. Denn wie lange können die privaten Zombie-Sender ihre Werbekunden noch mit "Einschaltquoten" hinters Licht führen? Auch Unilever und TUI, Mercedes-Benz und der Otto Versand werden wohl wissen, daß nur der ihre hübschen Sachen kauft, der ihre Werbung im Radio auch gehört hat. Der nüchterne Kaufmannsverstand wird ihnen sagen, daß 30 Sekunden nach einer Reportage von Hans Magnus Enzensberger mehr bringen als der gleiche Spot nach einer Stunde Melkmusik. Denn Almas Kaufkraft, liebe Sponsoren, denken Sie daran, ist sehr gering. Benedikt Erenz