Von Hans Günter Holl

Spätestens seitdem Jürgen Habermas sich aufgerafft hat, den Rationalismus des kulturellen Projekts „Moderne“ zu retten, ist die „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer wieder in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Diesen Vorgang dokumentiert Rolf Grimminger, indem er seinem Buch den Untertitel „Für eine neue Dialektik der Aufklärung“ gibt und das erste Kapitel „Habermas und die Dialektik der Aufklärung“ nennt.

Was so rettungs- und aus anderer Perspektive zugleich renovierungsbedürftig erscheint, ist ein Projekt, das scharfe Konturen erst durch die kritische Selbstbesinnung gewann; ein moderner, „kritischer“ Rationalismus, der sich seit Kant immer wieder einredet, ohne religiöse Sinngarantien auskommen zu müssen, aber auch zu können. Dieser Rationalismus ist zweischneidig, denn er übt Zwang aus, um Zwang zu brechen. Genau unter diesem Aspekt faßt Rolf Grimminger die Haupteinsicht der „Dialektik der Aufklärung“ zusammen. „Die Freiheit der Vernunft wird zum neuen Zwang, der neue Mythos ,Rationalität‘ herrscht so totalitär wie einst der alte der Natur. Und wie die alten Naturgötter, so braucht der neue Vernunftgötze seine Opfer – uns selbst.“

Wäre dies das letzte Wort, dann gäbe es weder etwas zu erneuern, noch zu retten. Nicht nur Adorno und Horkheimer, mit ihrer negativen Wendung gegen die totalitäre Ratio, sondern auch Michel Foucault, der die Geschichte eben dieser Ratio als eine Ausbreitung von Macht, Disziplin, Dressur und Zwang verstand, behielten recht. Das kann nicht sein, weil es nicht sein darf. Um sich (und uns) aus dieser Zwickmühle zu befreien, wählt Grimminger einen Zug, den er Habermas abgeschaut hat. Er hält den Vernunftkritikern Aporien vor, die sich schlicht daraus ergeben sollen. daß ihre Kritik prinzipiell unmöglich sei.

Über Foucault schreibt er daher: „Liest man seine ‚Diskurse‘, so entsteht der unverwechselbare Autor Foucault, es entsteht ein sprechendes Subjekt, das, nimmt man es beim Wort, nicht entstehen dürfte.“ Ebenso von Habermas beeinflußt ist Grimmingers Kritik an der „Dialektik der Aufklärung“. „Daß Horkheimer und Adorno die Vernunft ihrer Vernunftkritik übersahen, begreift Habermas wohl zu Recht als paradoxes Denken; daß sie in ihrer Katastrophengeschichte – wie später Foucault – zwischen gerechteren und ungerechteren Herrschaftsformen nicht unterscheiden wollten, als Blindheit. Das trifft wohl zu, leicht wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.“ Auf der rationalen Ebene ist hier also nichts zu retten, wenngleich Grimminger das emotionale „Motiv“ der „Enttäuschung über die falsch gelaufene ... Emanzipation durch Vernunft“ lobend anerkennt und gegen Habermas verteidigt.

Hält man Autoren wie Adorno, Horkheimer und Foucault, denen es vor allem darum ging, die Aporien der Moderne bewußt auszubauen, um die Macht des „Verblendungszusammenhangs“ von innen zu durchbrechen, paradoxes Denken und Blindheit vor, dann steckt entweder Ironie dahinter oder es hat etwas unfreiwillig Komisches. Hier unterscheidet sich Grimminger von Habermas. Er weiß, daß der Perspektivenwechsel vom kompromißlos-utopischen zum pragmatischen Denken nicht so sehr der Sache geschuldet wie eine Modeerscheinung ist und schreibt deshalb; „Der Wissenschaftsbetrieb pflegt mit der Monotonie auch seine innovativen Moden, Theorien wechseln mit den Jahren, was dann wiederkehrt, ist die vorgeschriebene Überraschung. Alle neuen Theorien, sofern sie überhaupt diskutiert werden, sind dem alsbaldigen Verschleiß ausgesetzt, um noch neueren Platz zu machen, die ebenso enden.“

Anders gesagt, unbequemes Denken, das in Paradoxien mündet, ist schwerer erträglich als eine unbequeme, paradoxe Realität und wird irgendwann durch pragmatische oder ironische Lösungen abgelöst. Bei Grimminger heißt die höchst ironische Lösung, daß „alle ernsthaften Probleme nicht grundsätzlich lösbar sind“ – im negativen wie im positiven Sinne –; und auf dieser Basis entscheidet er sich für den literaturkritischen Essay, der keine Verbindlichkeit anstrebt, sondern den Umstand berücksichtigt, „daß rationale Ordnungen nur zusammen mit dem von ihnen ausgeschlossenen Widerspruch existieren können“.