Polens Staats- und Parteichef Wojciech Jaruzelski besuchte zum ersten Mal in den fünf Jahren seiner Herrschaft eine westliche Hauptstadt. Sein wichtigstes Ziel in Rom war freilich der Vatikan.

Monika, die 23jährige Tochter des Generals Jaruzelski, trug den protokollarischen schwarzen Schleier über dem Blondhaar (und dachte wohl an die Solidarnosc-Träume ihrer Teenagerjahre), als sie am 13. Januar ihren in ziviles Grau gehüllten kommunistischen Vater zum „Heiligen Vater“ begleitete – so fromm titulierte der Staats- und Parteichef den polnischen Papst freilich erst, als nach dem 70-Minuten-Gespräch unter vier Augen altes Eis gebrochen, wenn schon nicht weggetaut war. Johannes Paul II. hatte seinem Landsmann, der die Polen regieren muß, ihnen Schlimmes antat, um ihnen Schlimmeres zu ersparen, den ersten offiziellen Besuch in einer westlichen Hauptstadt und damit den Durchbrach durch jahrelange Isolierung ermöglicht.

„Zwei Polen“ müßten sich doch immer verstehen, wenn es um ihr Land und Europa gehe, so bemerkte der General nach der Begegnung, wollte es jedoch diskret dem einstigen Karol Wojtyla überlassen, sich über das Maß der Verständigung zu äußern. Johannes Paul II., sichtlich zufrieden und weniger schüchtern als der General, wandte sich mit einer nicht vorgesehenen Ansprache an Jaruzelskis zwanzigköpfige Begleitung, die im Konsistoriensaal gewartet hatte: Es sei ein „ohne Zweifel historischer Besuch“ gewesen, von dem er die „erwünschten Ergebnisse für Polen und Europa“ erwarte.

Eines dieser Resultate ist die dritte Papstreise nach Polen, im Juni dieses Jahres, die nach Danzig und Stettin und auch nahe an die sowjetische Grenze führen wird. Kardinalprimas Glemp, der Ende dieser Woche nach Rom kommt, um Genaueres über die Generalsaudienz zu hören, hatte dem Papst Argumentationshilfe geleistet und schon am 6. Januar öffentlich in Warschau erklärt, daß die Beziehungen zwischen Kirche und Staat schlecht seien, wenn man an sie den Maßstab einiger Briefe von Staatsbehörden an kirchliche Amtsträger lege; da komme ein „altmodischer Josephinismus“ zum Vorschein und „Reflexe einer verknöcherten Bürokratie“; zugleich fehle es aber auch nicht an „sachlich denkenden, verantwortlich in die Zukunft blickenden Leuten, die zum ehrlichen Dialog bereit sind“. In diesem Sinne dürfte auch der Papst dem General nahegelegt haben, in seinem Staats- und Parteiapparat jene frustrierten Eiferer zu bremsen, die mit törichten Kraftakten ihre Ohnmacht gegenüber der mächtigen Kirche kompensieren möchten.

Jaruzelski hatte schon in seiner Tischrede als Gast des italienischen Ministerpräsidenten mit dem Stichwort „Jalta“ auf die geopolitischen Grenzen seiner Handlungs- und Bewegungsfreiheit hingewiesen; im Zwiegespräch mit dem Papst konnte er di noch deutlicher werden. Wertvoll war für diesen jedoch die Bestätigung einer Aussage, die der General in einem Interview für die Zeitung Reptbblica zum ersten Mal öffentlich riskiert hatte: Die katholische Kirche sei in Polen eine „permanente historische Realität“. Demnach also nicht etwas, das laut Marx zum Absterben verurteilt ist? Vorsichtig fügte der General hinzu: dauerhaft „wie der sozialistische Staat“. Auch wenn dieser schwerlich zweitausend Jahre übereben wird, ist eine glaubhafte Existenzgarantie, die er der Kirche gibt, für diese wichtiger als jeder kurzlebige Waffenstillstand. In einem Rechtsstatut, über das seit langem verhandelt wird, soll diese Garantie festgeschrieben werden, und Jaruzelski hat dem Papst Beschleunigung zugesagt.

Nur einmal wollte sich Jaruzelski während dieser Italientage in Generalsuniform zeigen: auf dem polnischer Kriegerfriedhof in Monte Cassino. Dieser Ort, an dem sich nationale Leidens- und Heldengeschichte Polens zu Mythos und Moral verdichtet, schien dem General geeignet, mit einer Fernsehansprache den Kontakt zu seiner verbitteren Nation zu suchen.

Eher könnte da allerdings außer dem Papstbesuch – ein Drei-Milliarden-Mark-Autogeschäft mit dem Fiat-Chef Agnelli nützen. Freiere Fahrt in die Zukunft, wenigstens auf dem Asphalt, so spöttelte jemand, Doch nicht Häme, sondern Hilfe braucht Polen. Und in Rom wurde das halbwegs verstanden.

Hansjakob Stehle (Rom)