Erst jetzt hat der Kampf gegen die Drogensucht begonnen

Von Marianna Butenschön

Der junge Mann wurde vor einem Moskauer Café festgenommen, als er „Bjelomor“-Zigaretten an Jugendliche verkaufte. Das hatte die Miliz mißtrauisch gemacht, weil „Bjelomor“ keine Marke ist, die Jugendliche bevorzugen. Und tatsächlich wollten die jungen Kunden sich nicht mit Zigaretten versorgen, sondern mit Haschisch, das in den Packungen versteckt war. Der Dealer wurde bestraft. Die Geschichte berichtete im Mai vorigen Jahres die Zeitung Moskowskaja prawda, ohne Namen, Preise oder die Höhe der Strafe mitzuteilen.

Der Lkw-Fahrer Rais Burgitdinow, 23 Jahre alt und Mitglied des Parteijugendverbandes Komsomol, witterte ein schnelles Geschäft, als ein Bekannter ihn fragte, ob er nicht fünf bis sechs Sack Mohnkapseln für 100 Rubel pro Sack (330 Mark) besorgen könne. Es war ein leichter Job für Burgitdinow. Denn im Gebiet Kuibyschew, einem der wichtigsten Mohnanbaugebiete der Russischen Föderation (RSFSR), erstrecken sich die Felder kilometerweit direkt am Straßenrand. Burgitdinow sammelte sechs Sack Kapseln und lagerte die Ernte in seinem Schuppen. Nach einer Woche erschienen die Käufer und rechneten korrekt mit ihm ab. Auf dem Rückweg aber fielen sie samt ihrer Fracht der Straßenverkehrspolizei GAI auf. Wegen Beschaffung von Opium-Rohstoff drohen Burgitdinow sechs Jahre Haft, ein Jahr für jeden Sack, berichtete im Juni die beliebte Komsomol-Zeitung Komsomolskaja prawda.

Auch Abdulachat Kutschkarow aus der mittelasiatischen Unionsrepublik Usbekistan verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Dealer. Er tarnte sich gerne als Rosenverkäufer. Und mit einem Koffer voller Rosen wurde er dann auch gefaßt. Unter den Rosen fand die Miliz 270 Gramm Drogen, die Kutschkarow an der Wolga absetzen wollte. Das Oberste Gericht der kleinen Autonomen Republik Tschetscheno-Inguschien im nördlichen Kaukasus hat soeben gegen drei Ärzte verhandelt, die bei völlig gesunden Patienten Krebs diagnostiziert und ihnen gigantische Narkotika-Mengen verschrieben hatten. Über 7000 Ampullen Morphium und anderer schmerzstillender Mittel hatte das Trio veruntreut und an Unbekannt verkauft. Es war aber nicht das erste Mal, daß in Grosnyj eine Rauschgiftsache dieser Art verhandelt wurde. In zwanzig Heilanstalten Tschetscheno-Inguschiens wurden 1986 „ernste Verstöße“ gegen die Verschreibungspflicht, gegen Aufbewahrung und Abrechnung von Narkotika festgestellt.

Aus der benachbarten Autonomen Republik Nord-Ossetien meldete die satirische Zeitschrift Krokodil im Dezember einen Raubmord, den die Drogenabhängigen Karazew und Andijew begangen hatten, um in den Besitz eines Ringes zu gefangen, den sie gegen Opium eintauschten ...

Drogenkriminalität in der Sowjetunion ist nicht so neu, wie es zunächst scheint. Das Problem ist an die zwanzig Jahre alt. Schon Anfang der siebziger Jahre autorisierten einige der fünfzehn Unionsrepubliken die Zwangsheilung von Süchtigen in Verbindung mit therapeutischer Arbeit für den Fall, daß sich die Kranken selbst nicht einsichtig zeigten, und die sowjetische Kripo bekam schon vor geraumer Zeit Rauschgiftdezernate. Die Tatsache aber, daß es auch in der Sowjetunion massive Suchtprobleme gab, durfte in den Massenmedien nicht erwähnt werden.