Von Lew Kopelew

Zehn Jahre nach seinem bei Kröner erschienenen „Lexikon der russischen Literatur ab 1917“ bringt Wolfgang Kasack im Verlag Otto Sagner, München, den fälligen Ergänzungsband heraus. Bedauerlich, daß es keine erweiterte Neuausgabe des Lexikons – in einem Band – ist. Denn dieses Werk bleibt einmalig im Westen: Der „Ergänzungsband“ vergrößert noch die Bedeutung des 1976 erschienenen Lexikons. Beide Bücher sind – und nicht nur für literarisch interessierte Leser – aufschlußreich.

Wolfgang Kasack, der am 20. Januar sechzig Jahre alt wird, Universitätsprofessor in Köln, ein international bekannter Slawist, vollbrachte eine Arbeit, die man als philologisch-historische Herkulestat bezeichnen darf. Daß wegen der Fülle bio- und bibliographischer Daten, die er bewältigen mußte, manche Lücken und Fehler entstanden, ist verständlich; sie sollten bei einer hoffentlich baldigen Neuausgabe korrigiert werden. Es wäre wünschenswert, wenn dann auch Artikel über solche Autoren aufgenommen würden wie Sergej Awerinzew, Michail Bachtin, Dmitrij Lichatschow, deren philosophische Essayistik nicht nur die gegenwärtige russische Literatur fruchtbar beeinflussen.

Aber viel wichtiger als dieser und jener Einwand sind die wesentlichen Eigenschaften dieses Buches, die seine Bedeutung weit über den Rahmen eines vortrefflichen Nachschlagewerkes hinauswachsen lassen.

Die reiche Tatsachensammlung bezeugt unzweideutig: Die gegenwärtige russische Literatur lebt und wirkt auf beiden Seiten des „Eisernen Vorhangs“, in Rußland wie in der russischen Diaspora, die von mehreren Emigrations-„Wellen“ von 1917 bis heute genährt wird. In all der Vielfalt von Autorenschicksalen, von ideologischen, politischen und ästhetischen Differenzen, oder auf unversöhnlichen Feindschaften ist es dennoch eine Wechsel- und facettenreiche russische Literatur.

Trotz gewaltiger Erschütterungen in den Revolutions- und Bürgerkriegsjahren 1917-1921, trotz brutaler Zerstörung des Bauerntums und hektisch übereilter Industrialisierung 1929-1935, trotz der Schrecken des Massenterrors 1936-1939, trotz unermeßlicher Leiden, Opfer und Verluste während des Krieges 1941-1945, trotz wilder ideologischer Offensiven und geheimpolizeilicher Willkür der Nachkriegsjahre, trotz zerstörter Illusionen und Hoffnungen des Tauwetters 1956-1965 und trotz immer neuer ideologisch-politischer Gewaltausbrüche der siebziger und achtziger Jahre, trotz alledem und alledem, lebt und wirkt die russische Literatur fruchtbar nicht nur im Exil oder im Untergrund. Das Lexikon widerlegt beweiskräftig die in westlichen Ländern hin und wieder anzutreffenden Vorstellungen vom trostlosen Verfall jeglichen Kulturlebens im „Reich des Bösen“.

Radikal konservative Politologen und Journalisten sowie manche verbitterte Emigranten aus Ost- und Mitteleuropa behaupten, daß in Rußland seit 1917 jedes geistige Lebens verkümmert oder vernichtet sei. Sie begründen es „logisch“: In einem totalitären Staat, der von ideologisch motivierten Gewalten regiert werde, könne es nicht anders sein („weil nicht sein kann, was nicht sein darf“).