Von Volker Hage

Nein, nach wie vor mag er keine Interviews. Nichts, was nach Inquisition schmecken könnte. Ein Gespräch, allenfalls, darauf läßt er sich ein, ein Gespräch über Literatur. Ein neues Buch wird im Februar erscheinen. Botho Strauß sagt, er mache sich keine Illusionen, niemand werde sich um dieses Buch reißen. Kaum jemand sei doch so „grundsätzlich abserviert“ worden wie er.

Ist das übertriebene Empfindlichkeit? Gewiß, über den Roman „Der junge Mann“ (1984) gab es unterschiedliche Meinungen, sein Poem „Diese Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war“ (1985) erfuhr überwiegend ablehnende Resonanz, seine Theaterstücke „Der Park“ (1983) und „Die Fremdenführerin“ (1986) kamen weder bei der Kritik noch beim Publikum übermäßig gut an – gemessen an früheren Erfolgen auf dem Theater. Aber immer noch werden diese Stücke landauf, landab gespielt; das Stück davor, die Farce „Kalldewey“ (1981), wurde geradezu ein Bühnenhit. Und immer noch stürzen sich die wichtigen Kritiker auf seine Texte. Mancher seiner Kollegen wäre froh um nur einen Bruchteil dieser Aufmerksamkeit. Später erzählt Strauß, daß erst kürzlich ein Fernsehsender ein ausführliches Porträt habe produzieren wollen (er hat abgelehnt, da ihm Fernsehen verhaßt ist). Auch seien viele Briefe von Lesern zu seinem langen Gedicht gekommen („Die haben es anders gelesen als die Kritiker“).

Natürlich ist er jahrelang sehr verwöhnt worden. Seine Theaterstücke aus den siebziger Jahren – „Die Hypochonder“, „Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle“, „Trilogie des Wiedersehens“ und „Groß und Klein“ – machten ihn zu einem berühmten Theaterautor. Die Bühnen rissen sich um ihn. Der Prosaband „Die Widmung“, der 1977 erschien, war ein enormer Erfolg. Bei Kritik und Publikum. Und nun?

Die geräumige Altbauwohnung in der Nähe des Tiergartens könnte einem Bühnenbild der „Schaubühne am Halleschen Ufer“ entstammen. Große, helle Räume, kaum möbliert. Die Schaubühne: sie war die Stätte seiner dramatischen Lehrjahre und der Schauplatz seiner ersten großen Theatererfolge. Nach dem Studium, einer nicht fertiggestellten Doktorarbeit („Thomas Mann und das Theater“), nach drei Jahren als Theaterkritiker und Redakteur wurde Botho Strauß 1970 nach Berlin geholt: Die Neugründung der Schaubühne stand bevor. Als Dramaturg bearbeitete Strauß unter anderem Gorkis „Sommergäste“ und schrieb später auch das Drehbuch für die Filmfassung.

Strauß, nun also seit mehr als sechzehn Jahren in Berlin, spricht kontinuierlich nur noch mit wenigen Freunden; Dieter Sturm, Dramaturg bei der „Schaubühne“, ist einer davon, auch Peter Stein gehört dazu – doch der war lange Zeit nicht in der Stadt.

Was also tun, wenn ein Buch fertig ist? Andere Schriftsteller gehen dann auf Lesetournee oder sie schreiben zwischendurch einen kleinen Aufsatz, eine Rezension, eine Gelegenheitsarbeit. „Das alles kann ich nicht“, sagt Strauß. „Ich bedauere das sehr.“ Er weiß, daß ihm die Scheu, aus eigenen Werken öffentlich zu lesen, als elitäre Haltung verübelt wird, Dabei sei es alles andere als das. Er nennt seine Zurückhaltung eine „tiefe psychopathische Verwirrung, eine Behinderung“. Und warum schreibt er nicht einen Essay, um sich aus der depressiven Phase nach Abschluß eines Werks herauszuholen? Das Essayistische sei für ihn zu sehr mit der literarischen Arbeit verwoben, entgegnet er.