ZDF, 21. Januar, 19.30 Uhr: „Und wenn ich nicht gestorben bin, dann lebe ich noch heut – Das Unglück der Margitta L.“, Film von Norbert Skrovanek

Im Einmündungsbereich der Seelbacher Straße in die Landstraße Idstein-Niedernhausen wurde am Freitag eine 17jährige Motorradfahrerin aus Wallbach von einem Pkw erfaßt und schwer verletzt...“ Eine alltägliche Meldung, gelesen und wieder vergessen. Ein leises Aufatmen allenfalls, daß die 17jährige noch am Leben ist. Der Filmemacher Norbert Skrovanek aber hat die Meldung zum Anlaß genommen, einmal zu schauen, was sich hinter diesen dürren Worten verbirgt.

In dem Bruchteil einer Sekunde nur hat sich das Leben von Margitta L. für immer verändert. Skrovanek beginnt seinen Film unmittelbar nach diesem Schreckensmoment: Blaulicht, ins Ohr schneidende Polizeisirene, Hubschrauber, Nahaufnahme einer Tragbahre. Ein harter Schnitt und, in Schwarzweiß, das offizielle Polizeiphoto vom Unfallort. Dann Fragen: an die Freundin, die dabei war, den Unfallfahrer. Notarzt und Chirurg kommen zu Wort, erklären medizinisch genau die Verletzungen des Mädchens. Dann wieder ein harter Schnitt und das Schwarzweißphoto vom Unfallort erscheint ein zweites Mal.

Diese Mischung aus Rekonstruktion und Gesprächen ist Skrovaneks Stilprinzip. Seine Rekonstruktionen wirken plastisch, die Bildausschnitte, in die hinein er seine Gesprächspartner stellt, oft ungewöhnlich.

Wer ist Margitta L? Bis zu jenem Tag, als der Unfall geschah, war sie ein heiteres, nachdenkliches junges Mädchen. Die Schwester beschreibt sie als strebsam, der Lehrer als außergewöhnliche Begabung, als eine Schülerin, deren Verständnis vor allem für literarische Texte über dem Durchschnitt lag. Sie war eine eifrige Leserin, hatte einen wachen Geist.

Die durch den Unfall verursachte Gehirnverletzung hat ihre Sprach- und Merkfähigkeit stark eingeschränkt. Sie muß noch einmal beginnen, sich Elementarwissen anzueignen. Eindrucksvoll der Ausschnitt aus einem Videofilm, der Margitta im Rehabilitationszentrum mit einem Therapeuten zeigt: Mehrere Gegenstände liegen vor ihr auf dem Tisch, die – sie identifizieren soll. Sie nimmt ein Glockenspiel in die Hand, betastet es, legt es wieder fort, ahnungslos, was man mit einem solchen Ding anfangen soll. In winzigen Lernschritten gelingt es ihr, die Welt um sich wiederzufinden. Ihre Augen sind dabei voller Staunen, wie die eines kleinen Kindes. Inzwischen ist Margitta auf dem Bildungsniveau der siebten oder achten Klasse, ihre Sprache ist wieder fließend, vielleicht, wenn man genau hinhört, ein wenig schleppend.

Wie alle Gesprächspartner gibt sie dem Filmemacher freimütig Auskunft. Seine Fragen sind von keinem falschen Mitleid bestimmt, sie zielen auf Klarheit und Offenheit und werden auch so aufgefaßt. „Hast Du manchmal das Gefühl, daß Du nicht mehr hübsch genug bist?“ Margitta, die nach dem Unfall auch an einer leichten Gehbehinderung leidet, antwortet darauf ohne Sentimentalität.