Von Theo Sommer

Viele reiben sich erschrocken die Augen. Da haben die Westdeutschen seit Konrad Adenauer nichts anderes im Sinn gehabt als die Aussöhnung mit ihren französischen Nachbarn; da quellen ihre Staatsmänner über von Bekenntnissen zur gemeinsamen Zukunft; da haben sie, zum höheren Ruhme des werdenden Europa, den Franzosen Mal um Mal wirtschaftliches Entgegenkommen bewiesen. Aber was nutzen all die Gottesdienste in Reims, das Händchenhalten in Verdun, die Dutzende von deutsch-französischen Kabinettssitzungen, die Schlemmerfrühstücke zu beiden Seiten der Grenze? Wenn der Kanzler Schmidt ein paar harsche Wahrheiten formulierte, maulte Le Monde über den "Feldwebel", und wenn der Kanzler Kohl sich mit Rücksicht auf die Wahlen einer neuerlichen Aufwertung der Mark entgegenstemmt, bezichtigt sein Amtskollege, der konservative Premier Chirac, die Deutschen des Egoismus. Undankbares Gallien?

Machen wir es uns nicht zu einfach. Die Franzosen sind uns gegenüber nicht zimperlich, gewiß. Vielleicht jedoch sind wir im Umgang mit ihnen nicht empfindsam genug – wie wir überhaupt im Umgang mit unseren europäischen Nachbarn etwas zu viel Robustheit an den Tag legen. Und dabei geht es nicht in erster Linie um die Frage, ob es eigentlich klug ist, daß Bundesfinanzminister und Bundesbankpräsident noch drei Tage, ehe sie sich in das Unvermeidliche schicken müssen, den Partnern im Europäischen Währungssystem ein trotziges Nein zurufen; solch taktische Schläue schlägt zu leicht in strategischen Nachteil um. Nein, die eigentliche Frage lautet: Sind wir uns eigentlich bewußt, welch großes Gewicht die Bundesrepublik hat, und setzen wir es verantwortungsvoll genug, schonend genug ein?

Die Bundesrepublik ist neuerdings die größte Handelsnation der Erde. Auf 110 Milliarden Mark ist der Außenhandelsüberschuß im Jahre 1986 gestiegen; selbst Japan kommt da nicht mehr mit. Die Mark entwickelt sich immer mehr zur Reserve- und Leitwährung. Manch einer in Europa spricht schon von der "ökonomischen Hegemonie" der Westdeutschen. Unsere wirtschaftliche Vormachtstellung ist so stark, daß sie Mißtrauen weckt und Ressentiments.

Auf einmal sind wir in der Lage, in der sich, vor zwei Jahren die Amerikaner befanden. Es wird uns vorgeworfen, wir trieben unsere Stabilitätspolitik auf Kosten der anderen; wir zwängen ihnen durch unsere eigene Geldpolitik höhere Zinssätze auf, als ihre Nationalwirtschaften vertrügen; wir überschwemmten ihre Märkte mit Gütern made in Germany. Wieder einmal wird uns der rechte europäische Gemeinschaftsgeist abgesprochen.

Hinter derlei Klagen verbirgt sich, zumal bei den Franzosen, unleugbar auch der Versuch, von den eigenen Schwächen abzulenken; Frankreich hat ja nie Giscards großes Ziel erreicht, wirtschaftlich zur Bundesrepublik aufzuschließen. Doch steckt in den Vorwürfen an die Bonner Adresse ein richtiger Kern. Wir schätzen unser eigenes Gewicht falsch ein; wir tun so, als seien nicht die Blicke der Welt auf uns gerichtet – teils mißtrauisch, teils erwartungsvoll; und wir achten zu wenig darauf, nicht mit unserer Wirtschaftspolitik unsere Außenpolitik zu unterminieren. Zudem steht Bonns praktisches Handeln in Europa allzuoft quer zu den hehren Worten der Staatsmänner.

Wir starten den Ballon "Europäische Union" – und lassen dann selber die Luft heraus. Wir fordern Mehrheitsabstimmungen – und legen dann gegen Agrarbeschlüsse unser Veto ein. Wir proklamieren die europäische Einheit als Endstation Sehnsucht unserer amtlichen Politik – und hören dann aus dem Munde des Bundeskanzlers, daß die deutsche Wiedervereinigung die Hauptaufgabe unserer Nation sei. Was denn nun?