/ Von Bruno Rhyner

Träume ich oder wache ich? Aus dunkler Ferne kommt das helle, rege Bimmeln eines Glöckchens auf mich zu, geht an mir vorbei und bleibt kurz darauf stehen. Zwei Stimmen sind hörbar, dann werden die großen Schiebetüren zur Übungshalle energisch aufgestoßen. Jetzt beginnt es mir zu dämmern: Dies ist kein Traum, sondern Wirklichkeit; es ist halb fünf Uhr morgens, Zeit zum Aufstehen (im Sommer eine Stunde früher).

Auf ein weiteres Glockensignal springen die Mönche aus ihren Schlafdecken, rollen sie zusammen und verstauen sie in einem mit einem Vorhang versehenen Holzgestell über ihrem Schlafplatz, richten ihre Sitzkissen her und verschwinden, mit ihren Holzsandalen klappernd, eilig in Richtung Toilette. Dies alles dauert zehn, höchstens zwanzig Sekunden. Bis ich meine Schlafmatte hoch über mir verstaut habe, was mir erst beim dritten Versuch gelingt, ist keine Menschenseele mehr im Saal zu sehen. Nach dem kurzen, erleichternden Geschäft auf der Toilette (alles und sogar diese Verrichtung muß hier schnell gehen) und einer Handvoll Wasser fürs Gesicht geht es zurück in die Übungshalle. Wieder bin ich der letzte. Nach dem Anlegen der äußeren Roben schreiten wir, barfuß in Sandalen aus Reisstroh, zum gegenüberliegenden Tempel, in dem allmorgendlich die Sutren rezitiert werden.

Spätestens jetzt packt mich die winterliche Kälte wieder an den nackten Füßen und am kahlgeschorenen Kopf. Die Sutren werden von den hockenden Mönchen in einem atemberaubenden Tempo vorgetragen, wobei Dunstwolken in den winterlichen Morgen steigen. Eine Glocke und eine Art Holztrommel geben den Takt an und begleiten den gleichförmigen Singsang. Von hinten sehen die glattrasierten Köpfe mit den aufsteigenden Dunstwolken wie brennende Räucherstäbchen aus. Das morgendliche Sutrenlesen, das keine dreißig Minuten dauert, ist eins der wenigen Elemente, die mich entfernt an das Leben in einem christlichen Kloster erinnern. Ich zittere am ganzen Leib vor Kälte und freue mich auf das „Frühstück“.

Zu den wenigen persönlichen Habseligkeiten, die ein Mönch besitzt, gehören fünf ineinandergeschachtelte, schwarzlackierte Holzschalen, die, zusammen mit den Eßstäbchen, in einem Tuch eingewickelt aufbewahrt werden. Zu den drei Mahlzeiten werden sie jeweils in den Eßraum mitgenommen. Das Frühstück besteht aus einer Schale wäßriger Reissuppe mit einer roten, in Salz eingelegten Pflaume (umeboshi), die gut für die Gesundheit sein soll. Nach einem kurzen Gebet wird die Suppe schweigend und möglichst geräuschlos eingenommen. Es gibt sogar einen zweiten Durchgang, aber fast alle Mönche senken ihren Kopf als Zeichen, daß sie auf die zweite Portion verzichten.

Das Mittagessen um halb elf besteht jeweils aus einer Schale Reis, einer Gemüsesuppe und einigen Scheiben in Salz eingelegten Rettichs. Zum Abendessen um halb fünf Uhr nachmittags gibt es meistens noch ein Zusatzgericht, wie Sojabohnenquark (tôfu) oder Spinat. Mit etwas Tee und einem dünnen Scheibchen Rettich reinigt man die Schalen, trocknet sie, nachdem man den „Spültee“ getrunken hat, mit einem kleinen Läppchen, wickelt sie ein und nimmt sie wieder mit. Diese Einfachheit und Sparsamkeit in den alltäglichen Verrichtungen ist höchst beeindruckend.