Um Pontresina erstreckt sich eines der größten Langlaufgebiete der Schweiz

Von Dorothea Hilgenberg

Daß die Sarazenen auf ihren Raubzügen über die Alpen auch in der hochgelegenen Bergsiedlung haltmachten, führen übereifrige Volkskundler gern als Beweis für eine aufregende Historie an. Doch gewissenhafte Heimatforscher treten ihnen mit Entschiedenheit entgegen: Nicht das umherziehende Volk aus Arabien habe der Idylle zwischen Arven- und Lärchenwald ihren Namen gegeben, sondern der Erbauer einer Brücke, Saracinus genannt. Und da sich schon lange vorher die Römer mit dem Bergstamm der Räter gemischt hatten, ging eine lateinische Bezeichnung in die Annalen ein: Ad pontem Sarasinam heißt es in der ältesten amtlichen Urkunde von 1137. In fünf Jahrhunderten hatte der Volksmund daraus das umgangssprachlich bequemere Pontresina gemacht.

Weder aufregend, noch besonders erbaulich, sondern äußerst karg muß es dereinst in dem abgeschiedenen Winkel am Fuße des gewaltigen Berninamassivs zugegangen sein. Man lebte von dem, was Wald und Weiden hergaben und importierte nur das Nötigste, Salz und Wein. Die Jüngeren wanderten häufig aus und kehrten erst zurück, wenn sie es zu Geld und Ansehen gebracht hatten. Ihnen sind einige der sgraffiti-verzierten Häuser unterhalb der (fast) romanischen Kapelle zu verdanken, deren verwinkeltes Mauerwerk auf eine lange handwerkliche Tradition schließen lassen.

Vermutlich wäre die Ruhe des harten, aber ungetrübten Berglebens nicht weiter gestört worden, wenn über die neue Berninastraße nicht ein paar unerschrockene Naturfreunde aus dem Norden eingefallen wären. Als Mitte des letzten Jahrhunderts die eidgenössische Post mit ihren großen gelben Schlitten den neuen Paß befuhr, konnte die 300-Seelen-Gemeinde ihre ersten Touristen begrüßen. Im einzigen Wirtshaus, dem Weißen Kreuz, machte man es sich so bequem wie möglich.

Vor allem Deutsche und Engländer zog es ins Oberengadin, um auf 1800 Meter Höhe Herz und Lungen zu kräftigen. Oder um verwegen mit Eispickel, Seil und Stock über schroffe Felsen die noch unberührten Gipfel zu erklimmen. Aus Abenteuerlust, weniger aus wissenschaftlicher Neugier. Die hatte noch jene Professoren nach oben getrieben, die vor ihnen rätselhaftes Urgestein ergründeten oder in unwirtlicher Höhe nach seltener Flora forschten.

Eine Frau war beherzt genug, es den kraxelnden Männern gleichzutun. Im Aipin-Museum zeigt ein Foto Mrs. Elizabeth Main aus England mit einem Begleiter auf dem Weg nach oben. Unterwegs vielleicht zum Mittelgipfel des Piz Palü, den sie und ein Herr Martin Schocher 1891 als erste bestiegen – trotz der offensichtlich unbequemen Kleidung: Mrs. Main trug Hut und Kopftuch, kräftiges, aber unförmiges Schuhwerk und einen schweren Rock, unter dem die mehrfach umwickelten Waden hervorschauten.