Von Heinrich Martin

Mit Demonstrationen und Protestaktionen machen derzeit Chinas Studenten auf sich aufmerksam. Wie sieht der Alltag chinesischer Studenten aus? Unser Autor hat diesen Alltag auf einem Shanghaier Campus miterlebt; er ist Professor an der Fachhochschule Hamburg, die mit der Fachhochschule für Maschinenbau in Shanghai zusammenarbeitet

Wir hatten uns für halb sieben zum Frühsport verabredet. Ich hole Wang und Li, Studenten der Maschinenbau-Fachhochschule in Shanghai, vom Studentenheim ab. Über minimal beleuchtete Treppen komme ich in den Raum, den die beiden jungen Männer mit weiteren 13 Studenten teilen müssen. Sofort werde ich umringt. Herzliche Begrüßung. „How are you?“ – „Fine!“ Alle haben schon ihre Trainingsanzüge an. Ich blicke mich um, der Raum ist spartanisch eingerichtet: acht zweistöckige Stahlbetten, ein kleiner Tisch, fünf Hocker. In einem Regal unter dem Fensterbrett stehen die Eßnäpfe, neben der Tür sind Waschschüsseln und Handtücher gestapelt. Die Schuhe stehen unter den Betten. Überall Enge!

„Wo ist der Kleiderschrank?“ frage ich. Lachen. Sie zeigen auf Koffer und ihre Betten, wo ein paar Bücher, Radiorekorder und Kleidungsstücke liegen. Im Zimmer hängt Wäsche zum Trocknen, Die Trockenstangen vor den Fenstern reichen nicht aus. Heute nacht – wir schreiben den 3. Dezember – lag die Temperatur um den Gefrierpunkt. „Warum schließen Sie nicht die Fenster?“ will ich wissen. Gelächter. 15 Menschen in solch einem Raum und die Wäsche! Außerdem: Heizung gibt es nicht. In einer Ecke erblicke ich die Warmwasser-Isolierkannen, die in keinem Raum fehlen. Da Tee für viele Studenten zu teuer ist, trinken sie einfach heißes Wasser. Auf die Frage, wer den Raum reinigt und die Fenster putzt, erhalte ich die Antwort: wir. Seit Anfang des Jahres müssen Studenten fünf Yuan (etwa 2,75 Mark) pro Semester an Miete zahlen.

Wir laufen aus dem Campus, auf dem es alle erforderlichen Einrichtungen wie Vorlesungs-, Labor- und Verwaltungsgebäude, Sportplätze, Studentenwohnheime, Gästehäuser, Kantine, Hospital, Fuhrpark, Friseur und Poststelle gibt, außerdem eine Fabrik: sie dient zur praktischen Ausbildung der Studenten und bringt außerdem Geld ein, über das die Hochschule verfügen kann. Wir begegnen Studenten und Studentinnen, die vom Frühsport zurückkommen. Überall sind Menschen mit Freiübungen beschäftigt. Wir laufen an einem Schwimmbad vorbei, in dem es von Badenden wimmelt – im natürlich ungeheizten Außenbecken. Nach einer halben Stunde sind wir zurück. Im Waschraum sehe ich niemanden, der duscht. In der Mitte steht ein großer Steintisch. Auf den stellen die Studenten ihre Waschschüsseln, um sich zu waschen.

Zum Frühstück gehen wir in die Mensa. Wang und Li haben ihre Eßnäpfe mitgebracht und lassen sich Reissuppe einfüllen, ich bevorzuge süße Sojasuppe; dazu nehmen wir ein dampfnudelartiges Brötchen mit einer Füllung aus Gemüse und Fleisch. Alles wird im Campus hergestellt, die Kantine verfügt über eine eigene Bäckerei. Das Frühstück kostet 20 Fen (etwa elf Pfennig).

Zum Reden bleibt nicht viel Zeit. Um acht Uhr beginnen die Vorlesungen, und wer zu spät kommt, erhält Minuspunkte. So trennen wir uns und treffen uns in der Vorlesung wieder. Die Vorlesungen dauern bis zwölf Uhr mit einer zehnminütigen Unterbrechung. Es sind reine Vorlesungen, Fragen werden nicht gestellt, die Studenten schreiben alles getreu von der Tafel ab. Der Dozent gibt sich keine Mühe, nachzuprüfen, ob sein Stoff verstanden worden ist. Er hat ein kleines Schraubdeckel-Marmeladenglas dabei, trinkt ab und zu daraus oder wärmt seine Finger daran. Südlich des Jangtsekiang darf nicht geheizt werden, und so sind hier wie überall in Shanghai die Räume kalt.