Von Viola Roggenkamp

Lübeck

Der beste unter den billigsten: Bei der Ernennung des Generalmusikdirektors ist dies immer Lübecks Devise gewesen. Unter den sich bewerbenden Dirigenten waren das stets auch die jüngsten. Und so ist, was hier und dort und vor allem von der Hansestadt selbst als "traditionsreiche, noble lübsche Geste" bezeichnet wird, nämlich dem jungen, wenig erfahrenen Nachwuchs eine Chance zu geben, nichts weiter als lübeckischer Geiz. Auch der ist von Tradition. Ebenso wie der Streit zwischen Orchester und hanseatischem Senat, der sich jedesmal daran entzündet, ob der billigste tatsächlich der beste ist.

Die Antwort darauf gab immer noch die Zukunft, wenn sie längst Geschichte geworden war. Junge, in der Gage anspruchslose, gänzlich unbekannte Taktschläger machten woanders Karriere, nachdem sie sich in Lübeck allmählich eingearbeitet hatten: zum Beispiel Wilhelm Furtwängler oder Christoph von Dohnanyi und Bernhard Klee. Wer kann heute schon sagen, ob und wann die Welt sich um Wolfgang Dörner reißen wird? Die Hansestadt Lübeck hat ihn für die Zeit vom 1. August 1987 an zum neuen Generalmusikdirektor bestimmt; selbstverständlich und wieder einmal gegen den erklärten Willen des Orchesters.

Zu Beginn der Ausschreibung hatte Kultursenator Heinz Lund zwar zugesagt, gegen den ausdrücklichen Wunsch der Musiker werde diesmal kein GMD eingestellt, doch was von "Politiker-Versprechen zu halten ist" (so ein Sprecher der Deutschen Orchester-Vereinigung), zeigten dann die nächsten Tage.

Von 93 Bewerbern wurden bloß drei zum Probedirigat eingeladen. Nach der ersten, Runde zog der erste Dirigent freiwillig zurück, wurde der zweite gar nicht mehr eingeladen, wiewohl das Orchester ihn favorisiert hatte; übrig blieb der dritte, blieb Wolfgang Dörner. Der Wettkampf, den der 27jährige Österreicher auszutragen hatte, fand nunmehr außer Konkurrenz zwischen ihm und dem Orchester der Hansestadt Lübeck statt.

Geheime Abstimmungen im Orchestergraben brachten zweimal dasselbe Ergebnis. 90 Prozent der 66 Musikerinnen und Musiker sind gegen Dörner. Allein der erste Konzertmeister ließ sich umstimmen. Morgens war er noch gegen Dörner gewesen, abends indessen für ihn. Unerschütterlich jedoch wie die große Mehrheit des Orchesters blieb auch Wolfgang Dörner. Er will GMD werden. Wo sonst als in Lübeck würde ihm diese Chance geboten?