Von Wilhelm Sinkovicz

Das kuriose Bild des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten, der zu einer Wahlwerbeveranstaltung aufrief, zu der dann kein einziger Mensch – ausgenommen das bestellte Kamerateam – erscheinen wollte, ist Geschichte. Das Musikfest „Österreich heute“, das Alexander Pereira, der Generalsekretär der Wiener Konzerthausgesellschaft, ausgerufen hatte, ist ebenfalls Geschichte – und irgendwie fühlt sich Pereira nun wohl seelenverwandt mit dem glücklosen Wahlwerber, dessen Parolen von vornherein niemand zur Kenntnis nehmen wollte. „Österreich heute“ sollte eine Bestandsaufnahme sein, eine Parade von Werken aller zeitgenössischen Komponisten dieses Landes – eine stille Visite im Elfenbeinturm ist es geworden.

Selten zuvor sind die Wiener Musikfreunde dem Konzerthaus so demonstrativ ferngeblieben wie in den letzten Wochen. Wer „Österreich heute“ konsequent mitverfolgte, saß zumeist in beinahe leeren Sälen. Nur wenn hin und wieder besonders beliebte Interpreten aufgeboten waren, um die Sache der Avantgarde zu vertreten, fanden sich mehrere Hundertschaften von Enthusiasten. Lediglich als Friedrich Gulda versprach, neben neuen Werken seines Freundes Günter Rabl auch Sonaten von Mozart und Beethoven zum besten zu geben, füllte sich der riesige Große Konzerthaussaal einmal bis auf den letzten Platz.

Im übrigen stieß „Österreich heute“ größtenteils auf Ignoranz – Grund genug, zum wiederholten Male die Frage nach dem tatsächlichen Zustand der Musikproduktion in diesem traditionsbelasteten Land zu stellen: Sind hier nur mehr Stümper am Werk, oder sind Österreichs Musikfreunde wahrhaftig so reaktionär, wie ihr Ruf sie schilt?

Beides trifft wohl nicht zu. Vor allem dem Publikum darf nicht verübelt werden, daß es während der letzten Jahre auszuwählen gelernt, einen gewaltigen Integrationsprozeß absolviert hat, der schon in den siebziger Jahren begann, als Pereiras Vorgänger Hans Landesmann mit Erfolg daran ging, Musik des zwanzigsten Jahrhunderts konsequent in seine Programme einzubauen.

Pereira ist diesen Weg weitergegangen. Mit seinem ersten Festival „Österreich heute“ dürfte der Konzerthauschef jedoch in der ihm eigenen Maßlosigkeit den Bogen etwas überspannt haben. Das eigentliche Manko dieses Festivals war, daß nur in geballter Form präsentiert werden sollte, was sonst in zwangloser Reihung übers Jahr hin zu erleben ist: Österreichs junge Avantgardisten blieben nahezu restlos ausgeklammert. Es gab also wenig wirklich Unbekanntes zu entdecken. „Österreich heute“ bestätigte letztlich alles, was „Österreich gestern“ schon über seine zeitgenössischen Musikproduzenten wußte.

Zu den großen Ausnahmen zählte wohl Günter Rabl, der junge Wiener, der sich der Unterstützung seines Freundes Friedrich Gulda erfreuen durfte. Gulda brachte Rabis „Landschaft mit Pianist“ im Rahmen des Festivals zur Uraufführung. Erfrischend, daß in der neotonalen Umgebung, der die „Neue Einfachheit“ das Feld gepflügt hat, noch der eine oder andere junge Komponist sich auf alle die technischen Möglichkeiten besinnt, die unsere Zeit ihm bietet. Rabl verarbeitet mit Hilfe eines Computers vorgegebenes Material – im Fall der „Landschaft“ ein eigenes, von Gulda auf Band gespieltes Klavierstück – zu einem völlig neuen, halluzinatorischen Klanggebilde, durch das nur an wenigen Stellen die Urgestalt hindurchschimmert. „Landschaft“, über Lautsprecher in den Saal projiziert, ist ein fazinierendes Kaleidoskop von immer neuen, bunten Eruptionen, tatsächlich ein unbekanntes Gelände, in dem ein Pianist improvisierend sich zurechtfinden muß. Gulda hat immer neue, überraschende Möglichkeiten parat, in diesem Irrgarten die Orientierung nicht zu verlieren. Die desolate, bedrückende Stimmung des Werks verfehlte ihre suggestive Wirkung auf das Publikum nicht – der Name Rabl ist über Nacht zu einem Begriff geworden.