Von Mathias Grefrath

Grass ist in Indien, Walser gibt der Welt Interviews; Handke und Strauß können wir sowieso vergessen, die sind im Ikonenrausch. Der SDS leckt jahrzehntealte Wunden, und Michael Rutschky dekretiert gelangweilt, daß die Großparteien "unsereinem" erst einmal ein anständiges Projekt anbieten sollen, damit wir uns wieder für ihre Wahlkämpfe interessieren. Ist das alles? Nein, Carola Stern marschiert, mit schleppend aufrechtem Gang (wir bleiben bei dem Wort, trotz Strauß) von Podium zu Podium und agitiert die Achtzehn- bis Vierundzwanzigjährigen, von denen 42 Prozent Abitur haben: Seht zu, daß sie Euch in zwanzig Jahren nicht fragen, was unsere Kinder uns gefragt haben nach 45. Aber sonst? Wo sind sie, die Intellektuellen? Nichts, außer ein paar halbherzigen Rau-Unterschriften, ein paar Großhallenauftritten.

"Es ist ja keine Wahl", sagt mir eben noch der Kollege im Fahrstuhl. Trotzdem, erstaunlich: hatten wir nicht eben noch Challenger und die Bomben auf Ghaddafi, Alarm in Tschernobyl und tote Aale im Rhein, haben wir nicht gestern noch die Glosse über den simulierten Atomwinter gelesen oder geschrieben, und weiß nicht jeder, der auch nur drei Artikel über die Zukunft der Gentechnik gelesen hat, daß wir an einem Umschlagspunkt leben, nicht nur der Menschheits-, sondern der Naturgeschichte? Die Kinder, die ja glücklicherweise hier und da von vernünftigen Lehrern erzogen werden, bringen die Hiobsbotschaften doch sogar aus der Schule mit. Es geht also nicht um nichts! Und da ist es doch erstaunlich, daß sich das gesamte linksliberale und feuilletonistische Kommentatoren-Orchester von Geißler dirigieren läßt: dieser hat Kohl ein paar wählerstimmenwirksame Nazi-Vergleiche aufgeschrieben, von denen wir uns dann provozieren lassen wie von Hakenkreuzen auf Punkerblusen. Das Resultat: vierzehn Tage lang nichts über Arbeitslosigkeit, Atomenergie, nichts über die Zukunft von Gen-Pools und Außenhandelsüberschüssen.

Daß das so einfach geht, finde ich unglaublich, und ich vermute, die deutschen Intellektuellen sitzen schon längst am anderen Ende des Ackers. Denn zugegeben, in dieser einen, isolierten Wahl geht es wirklich um nichts Großes. Die Grünen sind noch in der Pubertät, und die SPD tut sich nun schon im zweiten Jahrzehnt schwer, von einer Verteilungslobby für Lohnabhängige zu einer Partei zu werden, die Arbeit und Natur (die beiden Grundlagen des Wohlstandes, siehe Marx, "Kritik des Gothaer Programms") gegen ihre Zerstörung durch Abgase und Automatisierung verteidigt. Und da die Probleme so groß sind und keiner einen guten Vorschlag macht, wird derzeit unangefochten siegen, der besser verdrängen kann: mit Rhetorik, mit Medienzerstörung, mit Terroristengesetzen.

Aber ob es nun zur "wirklichen Wende" kommt, zur Rache für ’68, zu Dreggers Kriegerdenkmälern, zu den Subventionen für SAT 1 und den Funkgeräten für Südafrika, oder nicht: In den entscheidenden Fragen sind die Parlamente gar nicht mehr entscheidungsfähig. Weil sie Parlamente sind. Weil sie bis auf weiteres über den Zusammenhang von Treibgas und Ozonloch, von Kunstdünger und Trinkwasservergiftung abstimmen – jede Partei hat ihre "Experten", aber die Abstimmungen laufen entsprechend den Fraktionsgrenzen. Und alle vier Jahre sind Wahlen, da muß der Parlamentarier optimistisch sein, deshalb wird so vieles nicht entschieden. Das Parlament war ja vielleicht noch nie ein Ort der Wahrheitsfindung, aber in Zukunft brauchen wir einen. Denn in Zukunft müssen so viele Entscheidungen nicht nur mehrheitsfähig sein, sondern richtig. Ein Demokratieschub tut not, denn Demokratie heißt ja nicht nur, daß alle vier Jahre ein Blechkästchen da steht, heißt nicht nur korrekte Verfahren und Einspruchsrecht. Sondern heißt (man kann das in alten Büchern nachlesen): Volkssouveränität zur Herstellung einer Regierung, die das Recht aller einzelnen, aber auch aller, und aller Kommenden auf Leben, Freiheit und Eigentum sichert – Eigentum vordringlich an einer halbwegs intakten Welt. Diese Demokratie liegt noch vor uns, bis jetzt hatten wir nur Fortschritt.

Sie gegen die großen Interessen herzustellen ist nicht einfach, und deshalb vermute ich ja, daß die abgetauchten Intellektuellen gerade in alten Büchern studieren, was geschieht, wenn die Regierungen diesen Aufgaben nicht mehr gewachsen sind: dann gehen eines Tages Menschen von Ort zu Ort und sammeln die Beschwerden der Basis, dann glauben die Eliten immer weniger an die Langlebigkeit des Königs, verbünden sich adelige Waldbesitzer mit städtischen Radikalen; es greift der morbus Mirabeau um sich, die Anwälte, Ärzte und Journalisten treffen sich häufiger als sonst, und im Palais Royal gibt’s weniger Disco und mehr Gespräche. Das geht ein, zwei Jahrzehnte so, irgendwann macht ein Teil der Parlamentarier ein sit-in, und schließlich marschieren die Marktfrauen ...

Das ist natürlich wieder so eine postmoderne Analogie, aber wenn die Parlamente nicht angemessen mit der Pharmaindustrie umgehen, warum tun es nicht irgendwann die ersten Ärztekammern? Wenn keine Bonner Partei fragt, ob man den Artikel 12 a des Grundgesetzes nicht etwa nur auf den Kriegsdienst, sondern auch auf andere existenzbedrohende und von daher ethisch illegitime Maßnahmen anwenden müßte, also etwa auf bestimmte Steuerzahlungen – warum tun es nicht die Anwaltskammern? Zeigen nicht "Greenpeace" und "BUND", daß neue kräftige Legitimitäten wachsen, wo die alten versagen? Die Menschheit findet noch immer einen Ausweg – kann sogar sein, aber auf jeden Fall müssen es ja nicht die Entscheidungsbefugten sein, die ihn finden.