Der Zeitgeist ist gespalten. Die einen haben Angst vor dem Bestehenden, die anderen Angst vor jenen, die gegen das Bestehende, das sie ängstigt, protestieren – etwa in der ökologischen und in der Friedensbewegung. Jede Seite hat ihre sie bestätigenden Philosophen. Hier Günther Anders, radikaler Vordenker der neuen Protestbewegungen. Dort Odo Marquard, der jenen Bewegungen zerstörerische Heilserwartungen und eine totale Verkennung der bestehenden modernen Welt vorwirft.

Repräsentative Untersuchungen wie die Shell-Studie Jugendliche und Erwachsene ’85“ lassen in der Tat keinen Zweifel daran, daß zumal in der Jugend Beunruhigung über die Atomrüstung und die Umweltgefährdung durch Chemie und Technik weit verbreitet ist. Aber nun entdeckt Odo Marquard in seinem Beitrag für die Serie der ZEIT „Zeitgeist und Postmoderne“ („Die arbeitslose Angst“, 12. 12. 86) in dieser Stimmung den Ausdruck einer „fortschrittstheoretischen Gegenwartsnegation“. Diese bedeute einen gefährlichen Bruch mit der Moderne, einen destruktiven „Antimodernismus“. Die Revolte gegen das Bestehende gebe sich lieb und freundlich, sei indessen in Wahrheit keineswegs echt friedliebend. Marquard erinnert an Freuds Demaskierung von Alpträumen als geheime Wunschträume. Also: Wer sich vor Krieg massiv ängstige, könne sehr wohl durch ihn fasziniert sein. Entsprechend schätzt Marquard die Friedensbewegung und mit ihr die gesamte „antimodernistische“ alternative Strömung als unbewußt martialisch und gefährlich ein.

Auch ihm ist natürlich nicht verborgen, daß die vor allem auf die Umweltgefährdung und die Atomrüstung bezogenen Bedrohungsgefühle sich nicht von geschichtsphilosophischer Reflexion herleiten, daß die neuen Proteste überhaupt viel weniger als die 68er Revolte theoriebezogen sind. So füllt er dieses Defizit selber aus, indem er in die neuen sozialen Bewegungen eine gemeinsame leitende Theorie hineindeutet. Da für ihn die Friedens- und die grüne Bewegung nur eine Fortschreibung der Studentenbewegung darstellen, ermittelt er einen beide verbindenden theoretischen Nenner, nämlich eine „futural antimodernistische Geschichtsphilosophie“ auf marxistischer Grundlage. Die neue Variante bestehe nun darin, daß man als revolutionäres Subjekt die unterdrückte Natur an die Stelle der unterdrückten Proletariats-Klasse gesetzt habe.

Wenn der ökologische und der Atomprotest sich indessen ganz anders als die 68er Revolte auf solcher Theorieebene nicht definieren, sondern darauf insistieren, aus spontaner Besorgnis über akute gesellschaftliche Bedrohungen initiativ geworden zu sein, dann muß man diese Besorgnis natürlich untersuchen. Als Kritiker der neuen Bewegungen findet Marquard eine anthropologische Erklärung dafür, warum deren Ängste angeblich keineswegs zu dem positiven Bestehenden passen. Diese Erklärung ist näherer Beachtung wert.

Marquard gelangt dabei zu einer originellen metapsychologischen Angsttheorie. Er registriert als anthropologischen Besitzstand eine allgemeine Angstbereitschaft. Was er beschreibt, ist allerdings mehr als eine bloße Bereitschaft, vielmehr ein regelrecht triebhaftes Bedürfnis nach Angst. Diese Disposition wirke sich so aus, daß der Mensch bei Fortfall realer Bedrohungen neue Angstgründe suche oder sogar notfalls erfinde. Dazu geschaffen, Angst haben zu müssen, sei der Mensch außerstande, den Entzug von Widrigkeiten, auf die er früher habe angstbereit gefaßt sein müssen, mit entspannter Genugtuung aufzunehmen. So erkläre sich, daß die moderne Kultur, in dem sie immer mehr Gefahren und Nöte, Krankheiten und Unbequemlichkeiten besiege, gleichwohl dadurch keine Angstminderung zustande bringe. Vielmehr bestehe das Angstbedürfnis sogar darauf, gerade dort, wo Bedrohungen schwänden, weiter Angst zu haben, anstatt sich an andere Gegenstände zu heften.

Eine solche Verkehrung der Realität ins Gegenteil, wie sie Marquard annimmt, käme freilich einem psychotischen Mechanismus nahe. Es geschähe Ähnliches wie bei jenen Wahnkranken, die ihre speziellen Wohltäter als peinigende Verfolger fürchten. Marquard sieht seine Interpretation durch folgende Beispiele bestätigt:

„Je mehr Krankheiten die Medizin besiegt, um so größer wird die Neigung, die Medizin selber zur Krankheit zu erklären; je mehr Lebensvorteile die Chemie der Menschheit bringt, um so mehr gerät sie in den Verdacht, ausschließlich zur Vergiftung der Menschen erfunden zu sein; je länger Kriege vermieden werden, desto bedenkenloser gilt die vorhandene Friedensvorsorge als pure Kriegstreiberei...“