Von Dieter Buhl

Lustreisen sind es nicht, die die Spitzenkandidaten der beiden großen Parteien in diesen letzten Wochen vor der Wahl unternehmen. Deutschland unter Eis und Schnee, die Zeitspanne zum Stimmenwerben äußerst knapp bemessen, die Wähler oft kantig bis kühl, da fällt es schwer, den besagten Funken überspringen zu lassen. Auch wenn Kohl und Rau keinen Anlaß haben, wie weiland Heinrich Heine – "ein feuchter Wind, ein kahles Land, die Chaise wackelt im Schlamme ..." – über widrige Reiseumstände zu klagen (denn für Komfort ist gesorgt): Ein Wintermärchen erwartet sie nicht bei ihren Fahrten durch die Republik.

Der Amtsinhaber genießt bei seinen Ausflügen an die Basis immerhin einen doppelten Vorteil. Ihn begleitet nicht nur die Aura der Regierungsmacht, er wird auch vom Trend getragen. Helmut Kohl ist anzumerken, wie wohl er sich fühlt in dieser Situation. Er redet mitunter doppelt so schnell wie sonst, und sein Kreuz wirkt mindestens doppelt so breit. Mit der Logistik der Regierung und der perfekten Planung des Bonner Adenauer-Hauses im Rücken kann der Kandidat auftreten, wie es dem Bürger (und ihm selber) behagt: Der Kanzler schiebt ein mit dem Hubschrauber oder dem Flugzeug, er widmet sich ein paar Stunden dem Wahlvolk, um dann pflichtbewußt (und häufig mitten in der Nacht) zu den Regierungsgeschäften am Rhein zurückzueilen.

Zentrale Wahlkampfveranstaltungen nennen die CDU-Strategen diese Abstecher ins Land. Sie führen in große, meist volle Hallen, in denen der Kanzler sich Zeit für eine lange Rede nimmt. Er kann es sich leisten, ausführlich zu sein. Denn im Gegensatz zu seinem Konkurrenten gilt für ihn die Devise, mit wenigen, dafür um so ausgedehnteren Auftritten zu werben. Seit dem vergangenen Sommer hat Helmut Kohl 62 Veranstaltungen dieser Art absolviert, allein im Januar werden es 16 sein. Johannes Rau hingegen tritt allein in diesem Monat 80mal auf; wie oft er seit dem Sommer vor den Wählern gestanden hat, weiß die Bonner SPD-Baracke schon gar nicht mehr zu sagen.

Wo es die Masse der Veranstaltungen bringen soll, bleibt dem sozialdemokratischen Bewerber nur Zeit für kurze Visiten. In seinem Sonderzug, der für ihn längst zu einem zweiten Zuhause geworden ist, erscheint Johannes Rau jeden Tag an vier, fünf oder sechs verschiedenen Orten. Gelegenheit zu grundsätzlicheren Ausführungen bleibt ihm bei dieser Hetze nicht. Meist hat der "prominenteste Bahnhofspenner der Republik" (Rau) weniger als eine halbe Stunde, um sich und sein Programm vorzustellen. Mehr läßt der Fahrplan nicht zu. Mehr paßt wohl auch nicht in das Kalkül des Kandidaten, der wie bei den Landtagswahlkämpfen in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen möglichst vielen Wählern ins Auge sehen will, der auf Begegnung statt Bekehrung setzt.

In der Schlußphase des Wahlkampfes mag es ohnehin mehr auf die Persönlichkeit als auf Programme ankommen. Die Wähler wollen vor allem die erleben, für die sie sich entscheiden sollen, die wollen den Stil und die Stehkraft der Kandidaten begutachten. So sehen es zumindest die Bewerber, und sie geben sich auch so.

Helmut Kohl präsentiert sich strotzend vor Selbstbewußtsein. Es sind nicht bloß das Amt und die Regierungserfolge, die dem Kanzler diesen Part erleichtern. Er hat, wie seine Berater versichern, seit der Einstellung des Ermittlungsverfahrens wegen des Verdachts der uneidlichen Falschaussage vor dem Flick-Ausschuß tatsächlich an innerer Gelassenheit, an Statur gewonnen. Da er den Eindruck verbreitet, alles unter Kontrolle zu haben, kann sich der Regierungschef auch betont menschlich geben. Er ist einer von uns, wenn er etwa während einer Pressekonferenz auch noch eine Pause für die aufgefahrenen bayerischen Genüsse haben möchte, "selbst wenn es Leute gibt, die lieber zetern als Leberkäse essen". Ins Bild vom lebenslustigen, vom Jedermann-Kanzler paßt auch, wie er sich die Bewältigung des erwarteten Wahlsieges vorstellt: "Dann wird erst mal richtig gefeiert, wie sich das gehört."