Schimmel in Schilda

Wunderliche Logik: Der Gesetzgeber gewährt der Heizenergie gesetzlichen Schutz; die Hausbesitzer bauen unter dem Applaus ihrer Mieter undichte, gesunde Holzfenster aus und absolut dichte, ungesunde Kunststoffenster ein; denn sie sparen mit dem teuren Ersatz Steuern. Da ihnen und dem Staat Heizöl und Geld höhere moralische Güter sind als die Schönheit von Häusern und die historische Korrektheit von Fenstern, gerieten die Denkmalpfleger darüber in Zorn. In Hamburg überzeugten sie den Senat der Stadt, den Steuern kostenden Energiespartrieb von Bonn mit einer Steuern kostenden Gabe zu kompensieren: Er bezahlt architekturbewußten Bürgern, was Sprossenfenster mehr als die anderen kosten. Welch eine grandiose Sinnverdrehung. Und schon geht das absurde Treiben weiter. Früher besorgten die undichten Holzfenster die permanente Lüftung selber; heute muß es der Heizenergiesparer tun: Fenster aufreißen, kalte frische Luft hereinlassen. Man ermahnt ihn sogar, es ja nicht zu unterlassen, also die mit teuren steuerbegünstigten Fenstern gesparte Heizenergie täglich wieder zum Fenster hinauszujagen. Denn sonst tropft überall der kalte Mauerschweiß von den Decken ungelüfteter Wohnungen, wachsen Schwamm und Schimmel an den Wänden – nicht zu reden von all den Bauschäden, die hinter all den kunststoffverpackten Fassaden lauern, dort, wo das ungelüftete Gemäuer unsichtbar vermodert und verrottet. Unterdessen ermahnen die Hausbesitzer ihre Mieter, täglich zu lüften – und setzen den Fenstertausch der steuerlichen Begünstigung wegen stetig fort. Der Hamburger Senat ahnte das. Er hat für 1987 wieder anderthalb Millionen Mark Steuergeld ausgesetzt für die energiesparenden Sprossenfensterfreunde: um des Stadtbildes willen.

Mein Name sei Waldheim

Prominent ist heutzutage schließlich jeder, und die Zahl der Prominenten wird nur noch übertroffen von der Zahl der Prominenten-Lexika, die offenbar Schwierigkeiten damit haben, die allüberall hingeschickten Fragebogen pünktlich und ausgefüllt zurückzuerhalten, vermutlich deshalb, weil, wer prominent ist, keine Zeit hat, sondern sich Zeit läßt. Zur Beschleunigung des Rücklaufs hat der in der Zuger Straße in Cham in der Schweiz ansässige „Who is who, Verlag für Prominentenenzyklopädien GmbH“ eine Prämie ausgesetzt, die demjenigen, der seine biographischen Daten innerhalb von acht Tagen retourniert, durch eine „wertvolle Urkunde mit Siegel“ die Mitgliedschaft im Kreis der Prominenten „verifiziert“. Zur Verifikation dieser Verifikation bildet der Verlag auf seinem Einladungsbrief beispielhaft ein solches „Certificate of Award“ ab, auf dem, wie seinerzeit Michaela May auf den Euroschecks, der Name „Dr. jur. Kurt Waldheim“ steht, wobei die Biographie der Michaela May vergleichsweise als gesichert gelten kann, ihre universale Verwendbarkeit hingegen von der Waldheims bei weitem übertroffen wird, weswegen man die Frage: Who is Who (deutsch: Wer ist wer, österreichisch: Der ist wer) zukünftig auch als die Waldheim-Frage wird bezeichnen können.

Neues von Eduard

„Indem er sprach und seine Rede zu beschwörenden Deklamationen steigerte, hatte Eduard das leichte Tuch von Charlottens Busen gelöst und ihre Brust, über die rhythmisch seine Hände strichen, den Takt der Rede skandierend, dem Freunde dargeboten.“ Wie? Charlotte läßt sich vor dem Freund des Barons entblößen? Haben wir die Stelle in den „Wahlverwandtschaften“ überlesen? Selbst Goethe-Forscher sind ratlos. Wo hat der Haffmans-Verlag seinen Beitrag für die Anthologie „Die klassische Sau“ her? Jeder kennt heute die einschlägigen Goethe-Stellen – aus den „Römischen Elegien“, den „Epigrammen“, aus dem Gedicht „Das Tagebuch“. Und nun plötzlich Unentdecktes, Unbekanntes? „Ein verworfenes Kapitel aus den ‚Wahlverwandtschaften‘, das erst 1971 ans Licht gekommen ist“, heißt es im Nachweisteil. Davon wissen die Goethe-Forscher nichts. Doch wir haben damals nicht umsonst der Pornographie eine kleine Ecke im Bücherschrank geöffnet. Und dort steht immer noch – längst eine gesuchte Rarität – „Nummernbuch 6“ aus dem Normalverlag, erschienen 1971, Verfasser: unbekannt. Eine wunderschöne literarische Mimikry: ein Pornoroman im Stil und mit dem Personal Goethes. Und wirklich: darin ist jene Szene mit Charlotte enthalten. Wer wird nach dieser Entdeckung noch glauben wollen, daß die anderen unanständigen Texte aus der Haffmans-Anthologie wirklich von unseren anständigen Dichtern stammen?