Von Sigrid Löffler

Wien, im Januar

Mag sein, daß dies die wirklich große Stunde des Alois Mock gewesen ist: Er durfte den Auslöser für Bruno Kreiskys großen Zorn spielen. Als alles vorbei und die große Koalition zwischen SPÖ und ÖVP beschlossen war, nahm der Altkanzler und Grand Old Man der österreichischen Sozialdemokraten den ÖVP-Vizekanzler und Außenminister Mock zum Anlaß, um mit der SPÖ zu brechen. Kreisky legte demonstrativ den Ehrenvorsitz seiner Partei nieder – aus Protest dagegen, daß die Kanzlernachfolger Sinowatz und Vranitzky seine Warnungen in den Wind geschlagen und aus außenpolitischer Indifferenz, ja Ignoranz das (gerade für das Waldheimgeschädigte Österreich so wichtige) Außenamt den Konservativen überlassen hatten. In mehreren Interviews präzisierte Kreisky dann seinen Bannfluch. Wie sich zeigte, verübelt er der jetzigen SPÖ-Führung nicht nur den Außenminister Mock. Ganz generell verbittert ihn "der katastrophale Zustand der Partei – und die Spitze der Partei merkt das gar nicht".

Manche vermuten auch, hinter Kreiskys Zornausbruch stecke in Wahrheit seine Sorge, die von ihm sehnlich gewünschte strafrechtliche Verfolgung seines Intimfeindes, des ehemaligen Finanzministers HannesAndrosch, könne dem Konsens der Koalitionäre und einem parteineutralen Justizminister stillschweigend zum Opfer fallen.

Was auch immer die Ursachen für Kreiskys Generalabrechnung mit den heutigen Nadelstreifen-Sozialisten gewesen sein mögen: Die aggressive Emotionalität des Alten kann sich höchstens an der Funktion, kaum aber an der Person des Alois Mock entzündet haben. Denn leidenschaftliche Feindseligkeit löst der biedere, 53jährige Niederösterreicher auch bei schlechtestem Willen nicht aus. Dazu ist der Chef der Österreichischen Volkspartei und Juniorpartner der neuen Koalitionsregierung unter Franz Vranitzky zu schwächlich, zu unprofiliert und zu friedfertig. Außerdem ist Mock schwerer angeschlagen, als seine neue Doppelposition – Vizekanzler und Außenminister – auf den ersten Blick vermuten läßt. Den Kampfesmut, sofern er ihn überhaupt hatte, müssen ihm die zermürbenden Monate des Wahlkampfes und der Regierungsbildung gründlich ausgetrieben haben. Schließlich ist Mock, ebenso wie Vranitzky, als Wahlverlierer in die Koalitionsgespräche eingestiegen. Nur hatte er, anders als Vranitzky, diese Wahlniederlage nicht erwartet.

Am Abend der Nationalratswahl vom 23. November 1986 konnte sich die Nation an den Fernsehschirmen mit eigenen Augen davon überzeugen, wie schwer den Spitzenkandidaten der ÖVP die unvermuteten Stimmen- und Mandatsverluste gezeichnet hatten. Mit halbstündiger Verspätung und groggy wie ein ausgezählter Ringkämpfer stellte sich Mock nach einem Schwächeanfall mit geröteten Augen dem Fernsehen zum traditionellen Abschlußinterview und bekannte, mühsam um Fassung und Worte ringend, seine Niederlage. Noch am Morgen des Wahlsonntags hatte er geglaubt, sich zumindest als relativen, wenn nicht gar als absoluten Wahlsieger und Kanzler einer ÖVP-Alleinregierung sehen zu dürfen. Aber abends stand die schmerzliche Wahrheit fest: Statt, wie erhofft, stärkste politische Kraft im Lande zu werden, hatte die Volkspartei drei Mandate verloren und stand bei 41,3 Prozent der Stimmen (oder 77 Mandaten). Die Sozialisten hatten zwar zehn Mandate eingebüßt, waren aber mit 43,1 Prozent immer noch stärkste Partei im Lande.

So ist Alois Mock im achten Jahr seines Parteivorsitzes zwar politisch am Ziel – er hat seine Partei nach sechzehn Oppositionsjahren wieder an die Regierung gebracht zugleich aber als Verlierer abgestempelt. Nicht seiner Überzeugungskraft als Oppositionsführer, sondern lediglich der Mißwirtschaft der rot-blauen Koalitionsregierung unter Sinowatz und Vranitzky Skandalen hat Mock sein politisches Überleben zu verdanken.