Es war die beste Zeit, es war die schlechteste Zeit. Es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Torheit; es war die Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens; es waren die Tage des Lichts, es waren die Tage der Finsternis; es war der Lenz der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung. Wir hatten alles zu erwarten, wir hatten nichts zu erwarten. Wir gingen alle schnurstracks dem Himmel zu, wir gingen alle schnurstracks den anderen Weg – kurz, die Zeit war insofern der gegenwärtigen gleich, als einige ihrer lärmendsten Kenner behaupten, es könnte im Guten oder Bösen nur in Superlativen von ihr gesprochen werden.

Charles Dickens: Zwei Städte

Bundesrepublik, bei minus 20 Grad

München im Winter. Schneemassen türmen sich auf den Straßen, dick vermummt kämpfen sich die Passanten durch die klirrende Kälte. Die Teestube der Inneren Mission in der Zenettistraße ist überfüllt: Wohnungslose beiderlei Geschlechts, jung und alt, abgewrackte Erscheinungen, die apathisch dahindösen, und unverzagte Außenseiter, die lebhaft mit ihren Schicksalsgefährten plaudern. „Weltstadt mit Herz?“, flucht einer mit struppigen Haaren und funkelnden Augen: „da solln’s amoi uns oschaun. Häuser solln’s halt baun.“

Es ist kurz vor 21.00 Uhr. Die Temperatur ist auf minus 22 Grad gesunken. In wenigen Minuten muß die Teestube geschlossen werden. Wer jetzt noch kein Bett gefunden hat, dem bleibt nur die Straße. Vieleicht sind es 500 Menschen, die in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch vergangener Woche unter Kotzen, verschlissenen Mänteln und Zeitungspapier verkrochen, der eisigen Kälte trotzen. Unterschlupf finden sie in Geschäftseingängen, in Parks, Friedhöfen oder den „sehr guten Schlafnischen“ beim Haus der Deutschen Kunst; einer nächtigt sogar im würgenden Gestank eines ungeheizten, öffentlichen Pissoirs.

Die Asyle sind bis auf den letzten Platz belegt; das Katholische Männerheim (150 Betten) muß 46 „Nichtseßhafte“, wie das im Jargon der Sozialbehörde heißt, abweisen. Auch in billigen Absteigen (offiziell: „Pensionen“) finden sie keine Unterkunft; das Münchner Sozialamt weigert sich, die Kosten (etwa 25 Mark pro Nacht) zu tragen. Etwa 60 Prozent der „Nichtseßhaften“ in München (Dunkelziffer zwischen 3000 und 5000), schätzt Johannes Denninger, Leiter der Teestube in der Zenettistraße, müßten bei beißendem Frost die Nacht auf der Straße verbringen: „Wo sollen denn die Leute hin? Aber man kann sie doch nicht erfrieren lassen!“

Vergangene Woche erfror ein 34jähriger Stadtstreicher unter einer Brücke in München-Pasing. Das Sozialreferat der Stadt lockerte daraufhin eine interne Dienstanweisung: in „akuten Fällen“ übernimmt es nunmehr wieder die „Pensions“-Kosten.