DIE ZEIT: Herr Pollini, in der Auswahl und Präsentation Ihrer Programme haben Sie es sich und dem Publikum nie leicht gemacht. In Ihren jüngsten Konzerten spielten Sie die 24 Präludien und Fugen des ersten Bandes von Bachs „Wohltemperiertem Klavier“. Keiner Ihrer ruhmreichen Kollegen wagt sich an eine so schwere Aufgabe heran, die allein als Gedächtnisleistung phänomenal ist. Warum gerade Sie?

Maurizio Pollini: Für mich war das zunächst eine außerordentliche Erfahrung mit Bachs Zyklus. Denn in der Vielfalt und Tiefe des musikalischen Ausdrucks ist dieses gewaltige Werk einmalig. Schließlich resultiert daraus meine große Begeisterung, die ich seit meiner Kindheit für diese Musik hege. Aus der Sicht des üblichen pianistischen Virtuosentums ist die Beschäftigung mit dem „Wohltemperierten Klavier“ relativ uninteressant.

DIE ZEIT: War der Entschluß, sich damit der Öffentlichkeit zu stellen, langfristig geplant oder kam Ihnen die Idee erst in jüngerer Zeit?

Pollini: Die Problematik des Instrumentes, des Klaviers, bedeutete lange ein großes Hemmnis für mich, das Wagnis einzugehen. Daher hatte ich das Projekt für längere Zeit zurückgestellt. Erst vor ein paar Jahren entschloß ich mich, es gründlich zu studieren und im Konzert zu spielen.

DIE ZEIT: Werden Sie den zweiten Teil des „Wohltemperierten Klaviers“ nun bald folgen lassen?

Pollini: Vorerst habe ich da keine konkreten Pläne, vielleicht eines Tages.

DIE ZEIT: Ihre Entscheidung für den modernen Konzertflügel wie die Tatsache, daß Ihrer Bach-Interpretation eher traditionelle, wenn nicht gar romantische Auffassungen zugrunde liegen, lassen Sie erst gar nicht an Imitationen barocker Instrumente und „Originalklang“-Spezialistentum denken.