Die höchst unerfreuliche Geschichte eines von Aids-Viren infizierten Jungen

Von Roland Kirbach

Wesel

Helmut allein auf dem menschenleeren Schulhof; Helmut mit Bluterpaß um den Hals; Helmut mit seinen beiden Geschwistern im Arm; Helmut mit Mutter und Blumenstrauß; Helmut mit Nikolaus auf dem Weihnachtsmarkt.

Helmut in der Lokalzeitung; Helmut in der Boulevardpresse; Helmut in den großen Tageszeitungen; Helmut in den Illustrierten; Helmut im Fernsehen.

"Deutscher Schüler durch Medikamente angesteckt. AIDS – Jetzt bedrohen die Todesviren uns alle!" (Neue Revue). "AIDS – Die große Einsamkeit des kleinen Helmut" (Fernsehzeitschrift Die zwei). "Pädagogen in Wesel scheuen sich vor Gefahr – 12jähriger soll angeblich beißen und spucken" (Westfälische Rundschau). "Für Schüler mit AIDS wird jetzt ein Lehrer zwangsverpflichtet" (Westdeutsche Allgemeine). "Aids-Junge: Mit Lehrer allein im Klassenzimmer" (Bild).

"Die rennen mir hier die Bude ein", sagt der Rechtsanwalt und Notar Joachim Suchsland mit gespielter Empörung. "Stellen Sie sich vor: Quick wollte die Geschichte exklusiv für 2000 Mark! Exklusiv! Für 2000 Mark! Unter 10 000 Mark, habe ich da gesagt, läuft nichts." Die Kanzlei ist klein und schmuddelig, die alten Holzdielen knarren, Aktenstaub kribbelt in der Nase. "Ja, sehen Sie sich nur um. So sieht eine Arme-Leute-Praxis aus!" sagt der 81jährige Anwalt und fixiert den Besucher mit zusammengekniffenen Augen.