Von Klaus Pokatzky

Also, woll’n mal sagen, wie seine beiden Ältesten jetzt mit ihren Ohrringen rumlaufen, das gefällt Vater Stratmann nicht besonders, und vor vier Jahren hat es ja auch noch heftige Auseinandersetzungen über diese Frage gegeben – aber was soll er sich denn heute noch darüber aufkrücken? Es muß doch jeder nach seiner eigenen Façon selig werden.

Mutter Stratmann hatte sich gleich damit abgefunden, solange das nicht so’n Gehänge ist und da runterschlabbert, sondern richtig schön am Ohr liegt. Außerdem werden Mutter und Vater Stratmann doch älter, werden doch ruhiger. Der Thomas hat ja sogar zwei im Ohr, und eine ganze Zeitlang hatte er vorne eine Strähne im Haar und hinten so ein Schwänzken. Damals haben die Kollegen bei Krupp immer zu ihrem Mann gesagt, ist das dein Sohn, mit dem Schwänzken dahinten? Vater Stratmann fand das einfach unmännlich, einen Zopf hat eine Frau oder ein Mädchen.

Aber Mutter Stratmann meint, je mehr man meckert, desto mehr machen die das extra. Wie beim Jürgen, da war immer das große Gemecker mit den langen Haaren. Aber die kommen doch selber drauf die Jungs. Irgendwann hat Vater Stratmann aufgegeben zu meckern, und jetzt hat der Jürgen die Haare immer kurz. Beim Thomas hat Mutter Stratmann das Schwänzchen sogar noch geflochten und immer nur gesagt, ich sag’ nix mehr, und auf einmal kam er von selbst an und meinte, ich will das Schwänzken weghaben.

Geschenkt wurde ihnen nichts

Lange vorher hatte er aus genauso heiterem Himmel verkündet, daß er bei Krupp als Jugendvertreter kandidieren wolle. Vater Stratmann hat gesagt, du mit deinem Schwänzken dahinten, damit wirst du nicht gewählt. Der Thomas, der bei Krupp Dreher gelernt hat, wurde aber gleich im ersten Anlauf gewählt. Er war ja auch bekannt im Werk, mit der Strähne vorne und dem Schwänzchen hinten; wenn er bei Versammlungen etwas gesagt hat, dann wußte jeder sofort, wer er war. Bei der nächsten Wahl wurde er sogar der Vorsitzende aller Jugendvertretungen sämtlicher Krupp-Werke und saß dadurch im Gesamtbetriebsrat.

Und wenn er nicht vor sechs Monaten seinen Zivildienst angefangen hätte, nachdem er in einem Jugendzentrum in Essen eine ganz gute Stelle gefunden hatte, wäre er heute noch Betriebsrat und von der Arbeit freigestellt. Der Thomas hat ganz schön gekämpft für seine Kollegen, sagt Mutter Stratmann. Für die 35-Stunden-Woche haben sie genauso gestritten wie die Alten. Und wenn Vater Stratmann heute auf den Thomas angesprochen wird, dann ist er schon reichlich stolz auf seinen Zweiten.