„Das Memorial“ – ein Roman

Von Henry Thorau

Erzählt wird die Geschichte des Franziskanerklosters von Mafra: Wie unter der Leitung eines Baumeisters aus Regensburg fünfzigtausend Männer aus ganz Portugal, aus dem Süden, aus dem Norden, teilweise in Ketten zur Baustelle geschleift werden und zur Ehre Gottes Ackerland, Gärten und Obstpflanzungen verwüstet und Ketzer verbrannt werden, während der königliche Auftraggeber Dom João V. in seinem Schlafgemach aus Bauklötzchen immer wieder den Petersdom nachbaut und die glücklich entbundene Königin Ana Maria Josefa unter ihrem aus Österreich mitgebrachten Federbett schwitzend vom Schwager träumt, dem Infanten Dom Francisco, der, um sich seine Zielsicherheit zu beweisen, vom königlichen Palastfenster aus in den Schiffsrahen arbeitende Matrosen abschießt.

Erzählt wird auch die Geschichte von Baltasar, dem Soldaten, der in einem der vielen Kriege die linke Hand verloren hat, und von Blimunda, der Seherin, deren Mutter als Hexe nach Angola verbannt wurde, und wie sie zusammen mit Pater Bartolomeu Lourenço auf einem verlassenen Gehöft bei Lissabon eine Flugmaschine bauen und sich kraft ihres Geistes in den Himmel schwingen. Die Bruchlandung folgt. Pater Bartolomeu wird verrückt, geht nach Spanien und stirbt. Baltasar und Blimunda verstecken das Gerät unter Gestrüpp. Baltasar, den es immer wieder zum Versteck hintreibt, wird eines Tages von der Maschine in die Lüfte gerissen. Neun Jahre lang irrt Blimunda durchs Land, zerlumpt, mit wirrem grauem Haar, auf der Suche nach ihm. Schließlich findet sie Baltasar auf dem Scheiterhaufen. Bei einem Autodafe war sie ihm begegnet, bei einem Autodafe muß sie von ihm Abschied nehmen.

Autoren auf dem Scheiterhaufen

Doch das ist in José Saramagos Roman „Das Memorial“ nur ein Handlungsstrang unter vielen, die alle zuletzt in Mafra zusammenlaufen.

Wie erklärt sich der große Erfolg dieses Buches? Mehr als fünfzehn Auflagen, mehr als siebzigtausend verkaufte Exemplare seit 1982 allein in Portugal, in mehr als siebzehn Sprachen übersetzt. Sollte das „barocke Lebensgefühl“ unserer Zeit der Grund dafür sein, von dem neuerlich so oft die Rede ist, ein Gefühl ohnmächtigen Ausgeliefertseins an die Dummheit und Willkür der Macht?