Kurzurlaub in Oggersheim

Von Hanns-Bruno Kammertöns

Oft ereignet es sich nach dem Dessert, daß sich der Gastgeber, am Cognac nippend, als Globetrotter zu erkennen gibt. Er greift zum Globus, streift mit dem Finger die Kugel und beginnt zu plaudern. In der Südsee geschnorchelt, Skeleton-Schlitten in St. Moritz besprungen, der Trip zum Machu Picchu. Unaufhaltsam kreist der Finger über den Erdteilen, und der Paß des Hausherrn mit den vielen bunten Stempeln macht die Runde. Stunden vergehen, es ist schon spät, als jemand zaghaft fragt: „Und was ist mit Oggersheim?“ Neugierige Blicke. Der Gastgeber knipst pikiert das Licht im Globus aus. „Ist das nicht...?“ „Ganz richtig, seit dem Ersten-Zehnten-Zweiundachtzig sollte man es kennen!“ „Sie waren tatsächlich da ...?“ Der Oggersheim-Tourist kostet diesen Moment des Triumphes aus – und erinnert sich.

Eine lange Reihe von Güterwagen steht vergessen auf dem Abstellgleis. Die Tür zur Wartehalle ist verschlossen. Eine Tischtennisplatte, so ist durch die Scheiben zu sehen, hat dem Gebäude eine neue Funktion gegeben. In einem Nebenraum lagern größere Mengen Kaminholz und Altpapier, die alle Sorgen um mögliche Engpässe bei der Brennstoffversorgung während des Kurzurlaubes als unbegründet erscheinen lassen. Die beiden betagten Motorräder, die auf dem Boden liegen, lassen den Schluß zu, daß Nachwuchsfahrer den Bahnhof jetzt als Garage für ihre Einstiegsmodelle nutzen.

Rund zwanzig Züge, das versprechen die Fahrpläne der Deutschen Bundesbahn glaubwürdig, verlassen Oggersheim jeden Tag. Und während der Kurzurlauber vergeblich nach Hinweisschildern mit der Aufschrift „Ankunft“ Ausschau hält, fällt der Blick auf die Oggersheimer Bahnhofsgegend: ein „Club 13“, immerhin. Kreditkarten werden akzeptiert. Im Ausschank: „Pfungstädter Edelpils“, 2 cl Sliwowitz kosten zehn Mark, 2 cl Wodka elf Mark. Aber noch ist es leicht, den Versuchungen des Etablissements zu widerstehen; die Rolläden sind heruntergelassen, die Eingangstür ist ebenfalls fest verschlossen.

Das Hotel liegt sozusagen etwas versteckt hinter einer Tankstelle. Auf den Kopfkissen finden sich hübsch drapiert – als zärtliche Geste des Hauses – zwei steinharte Karamelbonbons, „Cantana Durchbeißer“. Von dem Besitzer des Hotels heißt es, daß er ein guter Ringer sei, daß seine große Zeit aber hinter ihm liege. Immerhin hat der Gastronom aber aus den Jahren auf der Matte den Maßstab für angemessene Essensportionen herübergerettet, so daß sich der Kurzurlauber wohlgestärkt auf Oggersheim und seine Geheimnisse einlassen kann.

Denn wer weiß schon, daß ein Schädelfund aus dem Jahre 1956 beweist: Schon Zeitgenossen des Neandertalers fanden die Wohnlage am Rhein sehr schön. Wer ahnt, daß Oggersheim noch im achten Jahrhundert Agridesheim hieß, benannt nach einem fränkischen Aussteiger, der sich mit seiner Sippe kurz nach der Völkerwanderung an Ort und Stelle niederließ. An dem fränkischen Namen niedersich die pfälzische Mundart so lange zu schaffen, bis es nach mehr als 1000 Jahren nur mehr „Oggersheim“ hieß. Und dann natürlich Friedrich Schiller! Plätze und Straßen des Ortes verdanken ihren Namen dem Umstand, daß der Dramatiker im Jahre. 1782 unter dem Tarnnamen Dr. Schmidt für einen kurzen Stop-over in der Oggersheimer Herberge „Zum Viehof“ abgestiegen ist. Dort gibt es heute, über dem Raum der Stadtbibliothek, sogar ein „Schiller-Museum“, Erstausgaben, Briefe hinter Glas.