Der österreichische Rocksänger Falco hat’s geschafft, innerhalb von drei Jahren avancierte er zum Multimillionär, sein Song „Jeanny“ war meistverkaufte Single im letzten Jahr. Daß und wie er sich hochgekämpft hat, dafür, sagt er, bewunderten ihn seine Fans am meisten. „Mein Jahr ist komplett verplant. Ich muß sterben oder sterbenskrank werden, damit ich aus dem Korsett raus kann.“ – Alles hat seinen Preis, doch das Idol des Fighters liegt „voll im Trend“.

Die Machbarkeits-Ideologie hat wieder Hochkonjunktur, wenn ihrem Comeback auch etwas Gewaltsames eignet. Die Formel „Zukunft durch Leistung“ hat ihre Selbstverständlichkeit eingebüßt, man fragt sich, welche Zukunft, was für eine Leistung. Der alte Fortschritt hat seinen Charme verloren, wer ihn heute predigt, muß die Zähne fletschen. Auch Falco fletscht gern einmal die schönen Zähne. Nachdem man ihm amtlicherseits die Verherrlichung einer Gewalttat vorgeworfen hatte, („Jeanny“), spielt er nun verkaufstüchtig weiter mit der latenten Gewalttätigkeit und dichtet in „Jeanny, Part 2“: „Ich bin sehr nahe,/take care/because/I’m Coming home ...“

Im zugehörigen Videoclip sehen wir ihn hinter einer schalldichten Studioglaswand sich winden, den Kopf mit so vielen Kabeln bestückt, wie das Haupt der Medusa Schlangen trug. Psychiatrie oder Plattenstudio? In diesem Alptraum-Video sind die Grenzen fließend zwischen der weiß gekachelten Zelle einer Irrenanstalt und dem gleißenden Weiß der Spots beim Konzertauftritt. In seiner atemlos zerhackten Diktion, seinen willkürlichen, automatenhaften Bewegungen gegen die Körperlogik führt Falco eine Disziplinierung vor, eine masochistische Kraftanstrengung, die eigentlich irrsinnig, weil sinnlos ist.

Seinen Namen hat Falco von einem Skispringer geliehen, seinem Idol eines windschnittigen Überfliegers. Und dies Lebensgefühl einer rein willkürlichen, nazistischen Leistungbereitschaft, die nicht nach weiteren Gründen oder Folgen fragt, das Borishafte des Hochleistungsrockers erinnert durchaus ans überanstrengte Schweben des Skifliegers: stolze Gestalt, solang er fliegt, hilfloser Hampelmann, sobald er festen Boden berührt.

„I sag, es lohnt sich immer, was zu tun, und es lohnt sich nie, zu verweigern. Dann lieber gleich die Kugel, die Donau, den Rhein. Spring, schwimm, sauf. Wir wissen doch genau, wir sitzen auf der Zeitbombe, wir wissen’s alle. Na und?“ Falcos Philosophie hat nichts mit dem protestantischen Heroismus des Apfelbäumchenpflanzens gemein; er sieht weg von dem, was ihn am Genuß seines Daseins hindern müßte, weil er die Macht nicht hätte, es zu ändern. Er sieht weg, und der Blick fällt, weil er von sehr vielem absehen muß, auf das Allernächstliegende, das Geld, den Erfolg, das Ich. Seine Welt ist die Kunstwelt des New-Wave; und die ist ihm offenbar verläßlicher, als das, was darunter ist, die sogenannte Wirklichkeit.

Er liefert so die – unfreiwillige – Parodie auf den ungehemmten Einsteiger. Denn bei ihm steckt Zynismus dahinter: „Wenn du Erfolg haben willst – und den will ich – mußt du vordergründige, plakative Songs schreiben.“ Sein Typus steht für eine spezifische Überforderung, für den Balanceverlust gegenüber einer Welt, die in die Schieflage geraten ist. Und er steht mit seiner „gesunden“ Ignoranz nicht allein.

„Optimismus“ und Resignation haben, wie wir sehen, heuer erstaunlich ähnliche Gesichter. In diesem Sinn: Weiter so, äh, Falco!

Martin Ahrends