Gegenüber den traditionellen Einordnungen des neuzeitlichen Bürgertums als Mittelschicht oder -klasse zwischen Adel und Klerus einerseits und Bauern und Arbeiterschaft andererseits hat die soziale Verortung der Bildungsschichten immer erhebliche Probleme aufgeworfen. Dies gilt vor allem für die Stellung des „Bildungsbürgertums“ und seine Rolle in der deutschen Gesellschaftsgeschichte. Während es für Arnold Zweig „von den deutschen Klassikern erzogen, auf liberale und großzügige Art die neue Einheit der Nation mit Büchern, Gedanken, Kunstwerken und Weltanschauungen zu verwirklichen suchte“, war es für Theodor Geiger „ein wirklicher Stand, mit eigenen Sitten und Konventionen, einer eigenen Lebenseinschätzung und Lebensführung, eine Welt für sich“.

Seit kurzem sind zwei Versuche anzuzeigen, die das schwierige Feld des „Bildungsbürgertums“ im Rahmen von Forschungsprojekten behandeln, wie sie schon seit längerem im Heidelberger Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte und nunmehr auch an der Universität Bielefeld eingerichtet worden sind. Unmittelbar den Zielsetzungen des Heidelberger Arbeitskreises verpflichtet ist

Ulrich Engelhardt: Bildungsbürgertum. Begriffs- und Dogmengeschichte eines Etiketts; Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1986; 274 S., 96,– DM.

Die moderne Begriffsgeschichte sucht durch die Aufschlüsselung der politischen, sozialen und kulturellen Erfahrungsinhalte historischer Grundbegriffe Zugänge für die Analyse des neuzeitlichen Strukturwandels im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert zu gewinnen. Dem „Bildungsbürgertum“ als Begriff und gesellschaftlichem Substrat kommt dabei eine ebenso herausragende wie exemplarische Bedeutung zu, gehört doch die Verschmelzung von „Bildung“ und „Bürgertum“ zu jenen Vorgängen der Emanzipation der bürgerlichen Gesellschaft, an denen es selbst als Wert- und Normsetzungsinstanz maßgebend beteiligt gewesen ist.

Ausgehend von Max Weber definiert Engelhardt „Bildungsbürgertum“ allgemein als „ständische Sozialform“, die – weder Geburtsstand noch ausschließlich Berufsstand – über Erwerb und Nachweis von „Bildungswissen“ Kulturstandards entwickelt und repräsentiert, die „uneingeschränkte Gültigkeit für alle Gesellschaftsformationen beanspruchen“. Zum Kernbestand zählen vor allem Inhaber akademischer Bildungspatente, insbesondere die „gelehrten Berufe“ wie Theologen, Juristen und Mediziner, Gymnasial- und Hochschullehrer, deren gesellschaftliche Stellung in Deutschland überwiegend durch eine direkte oder indirekte Fremdalimentierung mittels der öffentlichen Hand unterstrichen wird. Der Weg vom mittelalterlichen „Gelehrtenstand“ über den „Gebildeten Mittelstand“ zum „Gebildeten Bürgertum“ wird vom Autor kenntnisreich und umfassend anhand einer Vielzahl von Belegen und Zitaten nachgezeichnet. Sie bestätigen, daß die seit Beginn des 19. Jahrhunderts immer häufiger gewordene Zuordnung von „gebildet“ und „Bürgertum“ zunächst „ihrer Eignung als Artikulationsinstrument bürgerlichen Leistungsbewußtseins und Überlegenheitsanspruchs gegenüber den herkömmlich feudal-adeligen Führungseliten“ entsprang.

Die um die Mitte des Jahrhunderts eintretende Entfremdung der „unteren bürgerlichen Klassen“ vom „höheren Bürgerstand der wissenschaftlich oder künstlerisch gebildeten und einem liberalen Beruf zugewendeten Bürger oder der großen Kaufleute und Fabrikanten“ (J. C. Bluntschli) stand dagegen bereits im Zeichen einer Interessengemeinschaft von Gebildeten und Besitzenden, die bei aller Differenzierung im einzelnen in der Abwehr des allgemeinen, demokratisch-egalitären Staatsbürgerrechts ihre Gundlage hatte. Die traditionelle Unterscheidung in „gebildet/ungebildet“ verengte sich auf die Abgrenzung von „studiert/nicht studiert“, die bis ins 20. Jahrhundert zur „großen Querlinie“ (W. H. Riehl) der deutschen Gesellschaft wurde. In ihr standen die national- und sozialintegrativen klassenüberwölbenden Tendenzen literarisch-humanistischer Bildungsinhalte in einem merkwürdigen Gegensatz zur politischen Handlungsschwäche eines von unmittelbarer staatlicher Machtausübung weithin ausgeschlossenen Bürgertums.

Im wilhelminischen Kaiserreich konnte der ständisch begründete Führungsanspruch einer akademischen „Aristokratie des Geistes“, die nach den Worten Friedrich Paulsens „der Aristokratie der Geburt und des Geldes das Gegengewicht zu halten berufen ist“, die größer gewordene „Kluft zwischen dem Volk und den Gebildeten“ nicht mehr überbrücken. Der zunehmende Prestigeschwund und gesellschaftliche Funktionsverlust überkommener Bildungsansprüche fand schließlich in der Kultur- und Zeitkritik vor und nach dem Ersten Weltkrieg seinen Niederschlag. Wie unter anderem an Fontane, Hesse und Thomas Mann nachgewiesen werden kann, spiegelte das neue Kompositum „Bildungsbürgertum“ einen hohen Grad an Distanzierung und sozialer Abwertung wider, durch den es seit den Anfängen der Weimarer Republik vorwiegend zu einer Negativchiffre und bloßen Redefigur wurde.