ZDF, 27. Januar, 22.10 Uhr: Kleines Fernsehspiel "Sieben Frauen – Sieben Sünden" – Episodenfilm mit Beiträgen von Ulrike Ottinger, Heike Sander, Chantal Akerman, Bette Gordon, Maxi Cohen, Laurence Gavron und Valie Export

Das gab es schon. Das ist nichts Neues. Das haben wir schon gesehen. Die sieben Todsünden bilden ein Muster, das so alt ist wie die christlich gedeutete Welt, immer wieder beschrieben, bebildert, von Wörtern und Figuren überlagert. Proust-Leser und Italienreisende werden sich an Giottos Fresken in der Capella degli Scrovegni zu Padua erinnern, Kinogänger vielleicht an die beiden Verfilmungen des Stoffes, 1952 und 1961, mit je sieben Regisseuren, darunter Rosselini, Autant-Lara, de Filippo, Chabrol und Godard. Auf jeder neuen Variation des Motivs lastet der Prunk des Gewesenen, der Fluch des Zitats. Schlechte Vorzeichen für ein kleines Fernsehspiel, das die Programmlücke zwischen Hollywoods historischem Allerlei und den Spätnachrichten zu füllen hat. Gute Vorzeichen für ein filmisches Experiment.

In der christlichen Ikonographie treten die Sünden, von Superbia bis Voluptas, als Frauen auf. "Sieben Frauen – Sieben Sünden" ist auch eine Abrechnung mit der allegorischen Rolle des weiblichen Körpers. In Ulrike Ottingers Beitrag "Superbia", der den Reigen eröffnet, wälzt sich der Triumphzug des Bösen an der Kamera vorbei, Gestalten mit Drachen- und Pfauenleibern, Giraffenköpfen, Panzern und Peitschen: Superbia (Delphine Seyrig) fährt zu ihrer "Hochzeit mit der Welt". Eine Bluthochzeit: im Parallelschnitt sieht man Polizei und Militär marschieren, Bombenkrachen vermischt sich mit Feuerwerksgeknall, Parademusik mit Buschtrommeln. "Superbia", Stolz, ist ein männlicher Wahn. Die letzte Einstellung zeigt eine Azteken-Maske: Quetzalcoatl, den Gott der Rache.

Sieben Filmemacherinnen aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien und Amerika erzählen von den Todsünden. Der Sinn der christlichen Siebenheit ist Vereinfachung, Typisierung der Welt; der Sinn des Fernsehspiel-Projekts müßte sein, diese Stereotypen wieder vielschichtig zu machen, die Schablonen aufzubrechen. Das gelingt den komplexeren, surrealen Stücken dieser Sammlung besser als jenen, die auf Teufel komm’ raus eine Geschichte für die Sünde suchen.

In Bette Gordons "Pay to play" und Laurence Gavrons "Il Maestro" schrumpfen Geiz und Neid, am Schicksal einer Toilettenfrau und eines Dirigentensohns vorgeführt, zum bloßen Einzelfall eines abstrakten Begriffs. Dagegen setzt Chantal Akerman die nüchterne Wahrheit des Selbstporträts: in ihrem Divertimento über die Trägheit scheint auch die Kamera vom Laster des Müßiggangs befallen. Gähnend fügt sie ein Standbild ans andere. Das ist ästhetisch echt bis zum Überdruß.

Helke Sanders und Valie Exports Beiträge über Völlerei und Wollust lesen den nackten Menschen als Chiffre für Genese und Degeneration. Sanders "Füttern" erzählt den christlichen Schöpfungsmythos als Schauermärchen, das sich in neuer Gestalt ewig wiederholt; Exports "Ein perfektes Paar oder die Unzucht wechselt ihre Haut" zeigt die menschliche Haut als Projektionsfläche der Werbung, zugedeckt von Slogans und Symbolen. Im ersten Fall ist das hölzern-intellektuelles Kopfkino, im zweiten eine fesselnde, sinnliche Studie, ein Horrorfilm der Aerobic-Kultur.

"Suche Leute, die zornig sind": Maxi Cohen hat ihre "Sünder" per Anzeige gefunden. In "Anger/Zorn" treten auf: eine Punkerbande, ein dreifacher Mörder, ein Sadomasochist, Vergewaltigte, Transsexuelle, Ausgebootete, Quälgeister. Die Kamera gibt den Blick frei auf den alltäglichen Schrecken jenseits von Ästhetik. Ein streitendes Paar kommt im Studio erst richtig in Fahrt; "du Faschist" und "Psychopathin" sind da noch harmlose Zurufe. "Soll ein anderer Psychopath mich beurteilen?" fragt die Frau in die Kamera hinein. Das ist unerhört. Das haben wir noch nicht gesehen.

Andreas Kilb