Mit gekonntem Marketing gab die Union der Konkurrenz das Nachsehen / Von Gunhild Freese

Überraschungen waren nicht vorgesehen. Die Reportage des Zweiten Deutschen Fernsehens am vergangenen Sonntag "Wahlkampf heute abend – Live bei fünf Parteien" folgte dem Fahrplan der Bundesbahn: alle sieben Minuten ein anderer Zug. Exakt sieben Minuten waren im ersten Durchgang für die Großveranstaltungen der Parteien vorgesehen. Bei der zweiten Zuschaltung mußten sich die drei Kleinen, CSU, die Grünen und FDP, mit fünf Minuten begnügen. CDU und SPD durften nochmals für sieben Minuten live in die Wohnzimmer der Bundesbürger flimmern. Und für sie gab es dann noch einmal fünf Sendeminuten extra.

Die Parteien kannten den Fahrplan, die Wahlredner auch, aber damit wirklich jede Überraschung ausgeschlossen werden konnte, bekamen sie auch noch ein Signal, wann sie auf Sendung gingen. Aber das TV-Publikum, um das es vor allem ging, schaltete – zur besten Sendezeit – erst gar nicht ein: Nur elf Prozent der Haushalte interessierten sich für das Parteien-Programm.

So ging – matt und müde – der Kampf der Parteien um Platz und Sieg bei den Bundestagswahlen am kommenden Sonntag in die letzte Runde. Schlapp und phantasielos wie die TV-Auftritte der Parteipolitiker stellte sich der gesamte Wahlkampf dar: Die teuerste Werbekampagne des Jahres – zwischen hundert und zweihundert Millionen Mark wurden verpulvert – fällt vor allem auf durch ihre Unauffälligkeit. Die Werbekampagnen der Parteien spiegelten auf merkwürdige Weise die Befindlichkeit der Parteien wie der Bundesbürger wider. Ein sattes Wahlvolk sollte und wollte nicht durch große Parolen und aufwendige Materialschlachten erschreckt werden. Flick-Affäre und Neue-Heimat-Desaster haben das politische Engagement der Bundesbürger ohnehin abgekühlt, die Hilflosigkeit gegenüber Umweltkatastrophen wie Tschernobyl und Basel haben den Trend ins Private noch verstärkt.

Obendrein stoppten Schnee und Kälte die Parteistrategen: Auf Straßen und Plätzen, Wochenmärkten und vor Fabriktoren gab es kaum noch Wahlkampf zu sehen. Und in den Sälen und Hallen treffen sich ohnehin nur Parteimitglieder und unerschütterliche Anhänger. Um die große Zahl der Unentschlossenen überhaupt zu erreichen, wurde der Winterwahlkampf 1987 zum Kampf in den Medien. Schon längst sind auch die deutschen Parteien auf dem amerikanischen Weg: Die Ereignisse finden vor allem im und für das Fernsehen statt. Ob Versammlungen, Veranstaltungen, Pressekonferenzen, Ausschußsitzungen, wichtig für die Parteimanager ist stets, daß eine Botschaft fürs Fernsehen dabei herauskommt.

Die Werbeagenturen, einst die Macher der Wahlen, haben diese Rolle denn auch längst wieder abgetreten. Große Wahlkampfstäbe in den Parteizentralen entwickeln die Werbung, kreieren die Slogans, achten auf die Optik. Die Agenturen wickeln nur noch ab, führen aus, haben bestenfalls noch eine Stimme unter vielen. Mit kreativen Einfällen oder gar neuen aufsehenerregenden Werbestilen können die Parteien da nicht dienen.

Nicht einmal den Grünen, die noch zur Bundestagswahl 1983 mit ihren Plakaten für frischen Schwung im Einerlei der Politikerköpfe gesorgt hatten, fiel etwas Neues ein. Eine Fülle neuer Plakate waren zwar zu sehen – die Menge der Themen gerät allmählich zum grünen Neckermann-Katalog. Sie freilich wollen eigentlich gar nicht Wahlkampf inszenieren. Anne Schulz von der Bundesgeschäftsstelle: "Wir wollen Themen überbringen und nutzen die besondere Aufmerksamkeit der Vorwahl mit."