Die Stunde der Crash-Propheten ist gekommen. Der große Krach naht, warnen die Schwarzseher, der Verfall des Dollarkurses sei der Anfang vom Ende, dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Ob die amerikanischen Wirtschaftskassandren Howard Ruff und James Dines oder der deutsche Exbankier Philipp Freiherr von Bethmann – für alle ist die Katastrophe unvermeidlich: So wie der Dollar an Wert verliert, geht die Exportwirtschaft in den Partnerländern der Vereinigten Staaten in die Knie; die Konjunktur bricht ein, die Arbeitslosigkeit wächst, und an den Devisenmärkten hält das Chaos Einzug. „Wir laufen jederzeit Gefahr, daß ganz plötzlich ein gigantisches Phänomen der Verweigerung des Dollars entsteht, dessen Konsequenzen eine so ernsthafte Wirtschaftskrise auslösen würden, daß sie selbst zu einem Zusammenbruch unseres Zivilisationssystems führen könnte.“ Das ist das Schreckgespenst.

Dieser bedrohliche Satz stammt allerdings nicht von einem ausgewiesenen Krisenpropheten, ja nicht einmal von einem Wirtschaftsfachmann. Michel Poniatowski, einst französischer Innenminister unter Valéry Giscard D’Estaing, hat ihn einem Journaisten der französischen Zeitschrift Paris Match in den Schreibblock diktiert – im Dezember 1979.

Damals stand es um den Dollar genauso wie heute. Die amerikanische Währung verlor beinahe täglich an Wert, um die Jahreswende 1979/80 gab es an der Frankfurter Devisenbörse den Dollar für weniger als 1,80 Mark. Heute muß nur wenig mehr als diese Summe für einen Dollar gezahlt werden. Und Poniatowskis Bemerkung faßt damals und jetzt die Furcht der Menschen zusammen, daß Fluch und Elend über sie kommen werde, weil die Weltwirtschaft die scheinbar unausweichlich wachsenden Krisen nicht überstehen könne. Vor gut sieben Jahren war es neben dem schwachen Dollar vor allem der zweite Ölpreisschock, der in den Industrieländern als eine existentielle Bedrohung angesehen wurde. Heute sind es die amerikanischen Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite, die Schuldenkrise der Dritten Welt und die protektionistischen Gefahren für den Welthandel, die den Menschen Furcht einflößen – und den Krisengurus Aufwind geben.

Wenigstens in einem Punkt sind wir jetzt allerdings ein bißchen schlauer: Die Schwarzmaler von 1979 haben nicht recht bekommen. Die Zivilisation war trotz Dollarkrise und Ölpreisschock nie in Gefahr, der große Knall ist ausgeblieben. Aber das ist, bei rechtem Licht besehen, nur ein relativ schwacher Trost. In den Jahren nach 1979 brach die Konjunktur in den Industriestaaten zusammen, und die Arbeitslosigkeit stieg gewaltig an. Allein in der Bundesrepublik verloren noch einmal mehr als eine Million Menschen ihren Arbeitsplatz; immer noch sind – trotz vierjährigem Aufschwung – hier mehr als zwei Millionen Bundesbürger ohne Beschäftigung. Auch wenn die Katastrophe ausblieb, die Folgen schwerer weltwirtschaftlicher Störungen haben wir zu spüren bekommen.

Soll sich diese Entwicklung zu Beginn der achtziger Jahre jetzt wiederholen? Können wir das riskieren? Die Antwort ist klar nein. Aber nur selten war die Stimmung zwischen den großen Industrienationen (Vereinigte Staaten, Japan, Europa) so gereizt wie derzeit. Die Amerikaner kümmern sich nicht im mindesten um den Wechselkurs ihrer Währung. Je tiefer er fällt, um so besser für uns“, heißt die Devise der Wirtschaftsfachleute um Ronald Reagan. Im amerikanischen Kongreß liegen Hunderte von Gesetzesvorlagen, die den heimischen Markt vor der ausländischen Konkurrenz abschotten sollen. Es schert die größte Industrienation der Welt überhaupt nicht, daß sie damit Arbeitslosigkeit exportiert, daß sie sich auf Kosten anderer Länder aus ihrem Außenhandelssumpf herauszuziehen versucht.

Auf der anderen Seite des Pazifiks droht der japanische Finanzminister Kiichi Miyazawa damit, einen weiteren Anstieg des Yenkurses nicht mehr hinzunehmen, „koste es, was es wolle“. Und gewiß nicht zufällig taucht fast bei jedem neuerlichen Kursanstieg des Yen in der internationalen Presse die Frage auf, wie lange die Japaner wohl noch das amerikanische Haushaltsdefizit finanzieren werden. Denn bisher haben die fernöstlichen Exportgiganten einen guten Teil ihrer Überschüsse stets brav ins Weiße Haus getragen. Für die amerikanische Regierung wäre es eine Katastrophe, wenn die japanischen Geldgeber bei der nächsten Anleihe-Auktion des Schatzamtes ihre Hände im Schoß ließen. Der Finanzhunger der amerikanischen Regierung wäre nicht zu stillen.

Auch in Europa regiert der Egoismus. Die Europäische Gemeinschaft streitet mit den Amerikanern um Einfuhrzölle für Mais, Oliven, Wein und vieles mehr. Von Vergeltungsmaßnahmen ist die Rede. Ist das die Sprache unter Freunden? Sogar die Bundesrepublik, „ein treuer und verläßlicher Freund der Amerikaner“ (Bundeskanzler Helmut Kohl), weigert sich hartnäckig, auf die Wünsche der Amerikaner nach einer stärkeren Ankurbelung der deutschen Wirtschaft einzugehen. Finanzminister Gerhard Stoltenberg warnt angesichts des sinkenden Dollarkurses vor „blindem Aktionismus“. In das gleiche Horn stößt die Deutsche Bundesbank, daß sie sich von den „Wadenbeißern“ um Ronald Reagan doch nicht eine Zinssenkung vorschreiben ließe.