Es ist der letzte große Posten, den das britische Empire – vielleicht zum letzten Mal – zu vergeben hatte: das Amt des Gouverneurs von Hongkong, des fast absoluten Herrschers über sechs Millionen Menschen, 230 Inseln und tausend Quadratkilometer an der Südspitze des Riesenreiches China. 1997 wird die Kronkolonie an China zurückfallen, 155 Jahre nach der Einnahme durch die Briten.

Der gerade ernannte Gouverneur ist kein bekannter Politiker, Geschäftsmann oder Kriegsheld, sondern ein noch relativ junger (51 Jahre zählt er), bescheidener Beamter: Dr. David Wilson, der bisherige Leiter der Unterabteilung Fernost im Londoner Foreign Office. Nach dem Studium in Oxford trat er Ende der fünfziger Jahre in den diplomatischen Dienst ein, und China wurde sein Schicksal. Sein fließendes Mandarin-Chinesisch lernte er in Hongkong und Peking, von 1977 bis 1981 war er in Hongkong politischer Berater des Gouverneurs. In den Verhandlungen zwischen London und Peking über die Zukunft der Kolonie, die 1984 erfolgreich abgeschlossen wurden, spielte Wilson hinter den Kulissen mit Kenntnis, Ausdauer und der Fähigkeit, Vertrauen zu wecken und zu erwidern, eine entscheidende Rolle.

Geradlinig allerdings war die Karriere des begeisterten Bergsteigers nur in ihrer inneren Logik: 1968 verließ Wilson den großen Sandsteinbau des Foreign Office, um zu promovieren und in einem winzigen Büro im Norden Londons die einflußreiche Zeitschrift China Quarterly herauszugeben. Erst 1974 kehrte er in die alte Laufbahn zurück. Beide Erfahrungen – die des Diplomaten und des Wissenschaftlers – sind ihm auch heute anzumerken: Wilson ist ein nachdenklicher, bedächtiger Mann, bescheiden im Auftreten, aber sicher im schließlich gefundenen Urteil.

Im April zieht er mit seiner Frau Natascha, die in London bislang eine Privatschule leitet, von dem kleinen Haus in Fulham in den Gouverneurspalast in Hongkong um. Auch sein neues Jahressalär – 93 000 Pfund, etwa 250 000 Mark, mehr als die britische Premierministerin bekommt – kann sich sehen lassen. Aber David Wilson hält nichts von imperialem Pomp. Zum Dienst in London fuhr er gern mit dem Fahrrad, und selbst seinen von der Stange bei Marks & Spencer gekauften Anzügen gewann er stille, etwas altmodische Eleganz ab.

Die intime Kenntnis Chinas, die Bereitschaft zum Zuhören und die Bescheidenheit im Auftreten werden ihm nun, neben den vielen Kontakten in Peking und Hongkong, in dem neuen Amt zugute kommen. Fünf Jahre ist die übliche Amtszeit. Bis 1997 weht der Union Jack noch über dem Gouverneurspalast, aber die Übergangszeit für die Kolonie hat schon längst begonnen. Vielleicht, so vermuten Beobachter in London, wird Wilsons Nachfolger, der dann allerletzte Gouverneur, schon ein Chinese aus Hongkong sein.

Die Ernennung von David Wilson begrüßte die chinesische Nachrichtenagentur mit den Worten: „Das ist der richtige Mann für den Job.“ Und die Königin erhob ihn in den Adelsstand: Sir David Wilson, der 27. Gouverneur von Hongkong. C.B.